Kategorie: Prozessdatenermittlung | Lesezeit: ca. 5 Minuten
Ein Produktionsleiter kennt das Gefühl: Die Auslastung scheint hoch, die Mitarbeiter sind beschäftigt – aber wo genau die Zeit wirklich hinfließt, bleibt unklar. Einzelne Zeitaufnahmen liefern präzise Daten für definierte Vorgänge, doch sie beantworten nicht die übergeordnete Frage: Wie verteilt sich die Arbeitszeit im Betrieb insgesamt? Wie groß sind Warte-, Rüst- und Nebenzeiten wirklich?
Genau hier setzt die Multimomentaufnahme an. Sie ist eine der effizientesten Methoden der Prozessdatenermittlung, um ein belastbares Gesamtbild eines Produktionsbereichs zu gewinnen – ohne jede Minute lückenlos zu protokollieren.
Was ist eine Multimomentaufnahme?
Die Multimomentaufnahme (kurz: MMA) ist ein statistisches Stichprobenverfahren. Anstatt einen Arbeitsvorgang kontinuierlich zu beobachten, werden zu zufällig oder systematisch gewählten Zeitpunkten kurze Momentaufnahmen gemacht: Was tut der Mitarbeiter oder die Maschine genau jetzt? Dazu werden in den Unternehmen Rundgänge geplant, um die Beobachtungen durchzuführen.
Jede dieser Beobachtungen dauert nur wenige Sekunden. Die Mitarbeiter werden dabei in der Regel nicht behindert. Die Beobachtung findet auch immer von der gleichen Stelle aus statt. Über eine große Anzahl von Beobachtungen entsteht ein statistisch zuverlässiges Bild der Tätigkeitsverteilung – ähnlich wie eine Umfrage, die aus einer Stichprobe auf die Gesamtbevölkerung schließt.
Das Verfahren geht auf den amerikanischen Statistiker L.H.C. Tippett zurück und wird seit Jahrzehnten erfolgreich in Industrie, Handwerk und Dienstleistungsbetrieben eingesetzt.
Wann ist die Multimomentaufnahme das richtige Instrument?
Die MMA ist besonders geeignet, wenn:
- ein Überblick über einen gesamten Bereich gewonnen werden, nicht nur einzelne Vorgänge analysiert werden sollen
- viele Mitarbeiter oder Maschinen gleichzeitig beobachtet werden sollen
- die Tätigkeiten unregelmäßig und schwer vorhersehbar sind (z. B. Instandhaltung, Logistik, Montage)
- Verschwendungsquellen (Wartezeiten, unnötige Wege, Leerlauf) sichtbar gemacht werden sollen
- eine Vollzeitbeobachtung personell oder organisatorisch nicht umsetzbar ist
Gegenüber der Zeitaufnahme nach REFA bietet die MMA einen deutlich geringeren Aufwand bei breiterem Erkenntnisgewinn zur Verteilung aller Tätigkeiten in den einzelnen Arbeitsprozessen. Für die Ermittlung präziser Vorgabezeiten einzelner Arbeitsgänge bleibt die Zeitaufnahme das geeignetere Verfahren – beide Methoden ergänzen sich.
Schritt 1: Ziel und Beobachtungsgegenstand definieren
Vor dem Start ist zu klären:
- Was soll beobachtet werden? Mitarbeiter, Maschinen oder beides? In der Regel werden alle Bereiche einer Fertigung oder Montage erfasst.
- Welche Tätigkeitskategorien sollen unterschieden werden? (z. B. Haupttätigkeit, Rüsten, Warten auf Material, Warten auf Anweisung, Störung, Wege, Pausen). Je nach dem genauen Ziel der Studie werden die Tätigkeitsarten weiter detailliert. Wobei Pausen in der Regel ausgenommen werden sollten.
- Welchen Bereich umfasst die Aufnahme – eine Linie, eine Abteilung, ein Schichtmodell? Die Praxis hat gezeigt, dass in einem Produktionsbereich alle Maschinen und Mitarbeiter auch schichtübergreifend beobachtet werden sollten. Diese Vorgehensweise gibt z.B. Aufschluss über die einzelnen Schichtergebnisse.
Die Tätigkeitskategorien müssen trennscharf und eindeutig definiert sein. Wenn der Beobachter im Zweifel ist, zu welcher Kategorie eine Tätigkeit gehört, ist die Definition zu unscharf. Das führt später zu nicht verwertbaren Ergebnissen. Je nach dem genauen Ziel der Studie werden die Tätigkeitsarten weiter detailliert.
Schritt 2: Beobachtungsumfang berechnen
Wie viele Einzelbeobachtungen sind nötig, um statistisch belastbare Aussagen zu treffen? Das hängt von zwei Faktoren ab:
- der erwarteten Häufigkeit der seltensten Kategorie (je seltener, desto mehr Beobachtungen nötig)
- der gewünschten statistischen Genauigkeit (Vertrauensbereich)
Als Orientierungswert für eine Genauigkeit von ±5 % bei einer erwarteten Häufigkeit von ca. 20 %:
n ≈ 1.600 Einzelbeobachtungen
Bei 10 Mitarbeitern, die gleichzeitig beobachtet werden, und 3 Beobachtungsrunden pro Stunde über 8 Stunden ergibt sich: 10 × 3 × 8 = 240 Beobachtungen pro Tag – die Aufnahme dauert dann knapp 7 Tage. Bei größeren Teams oder kürzeren Erhebungszeiträumen reduziert sich die Dauer entsprechend.
In der Praxis empfiehlt sich eine Vorabschätzung mit einer einfachen MMA-Berechnungsformel oder einem der verfügbaren Planungstools.
Schritt 3: Beobachtungszeitpunkte festlegen
Die Stärke der MMA liegt in der Zufälligkeit der Beobachtungszeitpunkte. Nur so können systematische Verzerrungen vermieden werden – etwa wenn Mitarbeiter wissen, wann sie beobachtet werden.
In der Praxis werden zwei Varianten eingesetzt:
- Zufällige Beobachtungszeitpunkte: Per Zufallsgenerator werden Uhrzeiten innerhalb der Schicht festgelegt. Höchste statistische Qualität, aber koordinativ anspruchsvoller. Diese Variante ist auch mit einem höheren Aufwand verbunden.
- Systematisch-zufällige Zeitpunkte: Die Beobachtungsintervalle sind gleichmäßig verteilt (z. B. alle 12 Minuten), der genaue Startzeitpunkt ist zufällig. In der Praxis gut handhabbar und statistisch ausreichend. Diese Variante wird überwiegend in der Praxis angewendet. In der Regel werden die Rundgänge laufend durchgeführt. Damit ergeben sich ziemlich viele Beobachtungen auch für weniger häufige Tätigkeiten.
Wichtig: Die beobachteten Personen sollten nicht im Voraus wissen, wann genau die Beobachtung stattfindet – jedoch über Zweck und Ablauf der Aufnahme informiert sein. Transparenz erhöht die Akzeptanz und verhindert Verhaltensänderungen. Dieser Punkt ist sehr wichtig. In der Vergangenheit mussten Studien abgebrochen werden weil die Mitarbeiter nicht ausreichend informiert waren und fühlten sich dadurch beobachtet und genervt.
Schritt 4: Durchführung der Beobachtung
Der Beobachter geht zur festgelegten Uhrzeit durch den Bereich und notiert für jeden Mitarbeiter (oder jede Maschine) die aktuelle Tätigkeit – in Sekunden, nicht Minuten. Die Beobachtung ist rein kategorisierend: Es wird nicht gewertet, sondern nur festgehalten, was zu diesem Moment passiert. Die Mitarbeiter werden in der Regel auch nicht bei ihrer Tätigkeit behindert.
Praktische Hinweise für die Durchführung:
- Beobachtungsformular oder App vorab vorbereiten – handschriftliche Strichlisten funktionieren, digitale Tools erleichtern die spätere Auswertung
- Denselben Rundweg konsequent einhalten, um Beobachtungsreihenfolge und -dauer konstant zu halten
- Maschinen-Zustände (in Betrieb, Rüsten, Stillstand geplant, Stillstand ungeplant) separat erfassen
- Auffälligkeiten und besondere Ereignisse in einem Begleitprotokoll festhalten
Schritt 5: Auswertung und Interpretation
Nach Abschluss der Beobachtungsphase werden die Strichlisten ausgewertet. Für jede Tätigkeitskategorie wird der relative Anteil an der Gesamtbeobachtungszeit berechnet:
Beispiel-Auswertung eines Montagebereichs (n = 1.800 Beobachtungen):
| Tätigkeitskategorie | Beobachtungen | Anteil |
|---|---|---|
| Haupttätigkeit (Montage) | 330 | 83 % |
| Nebentätigkeit (Teile holen, liefern) | 8 | 2 % |
| Warten allgemein | 14 | 4 % |
| Sachliche Verteilzeiten | 33 | 8 % |
| Persönliche Pause / Sonstiges | 11 | 3 % |
Das Ergebnis zeigt: Nur 83 % der bezahlten Arbeitszeit fließen in die eigentliche Wertschöpfung. 4 % entfallen allein auf Warten – ein Ansatzpunkt für Prozessverbesserungen durch z.B. Verlagern von Prozessen in die Wartezeit.
Aus diesen Anteilen lassen sich direkt Verteilzeitzuschläge für die Vorgabezeitenrechnung ableiten – und gleichzeitig konkrete Optimierungsprioritäten für Lean- oder KVP-Projekte.
Häufige Fehler bei der Multimomentaufnahme
Zu wenige Beobachtungen: Wer mit 300 Beobachtungen arbeitet, erhält für seltene Kategorien statistisch nicht belastbare Werte. Abhängig vom Ziel der MMA und der Größe des Bereiches und der Anzahl Mitarbeiter und/oder Maschinen können auch weniger Beobachtungen genügen. Die Mindestanzahl muss vorab berechnet werden.
Unklare Tätigkeitskategorien: Die beteiligten Beobachter sollten geschult sein und mit den grundlegenden Dingen der Zeitwirtschaft und Prozessdatenermittlung vertraut sein. Wenn der Beobachter unsicher ist, ob eine Tätigkeit zu „Nebentätigkeit” oder „Rüsten” gehört, sind die Ergebnisse nicht vergleichbar. Kategorien vorab mit Beispielen hinterlegen.
Regelmäßige statt zufällige Zeitpunkte: Wer immer zur vollen Stunde beobachtet, erfasst systematisch verzerrte Ausschnitte (z. B. Schichtbeginn, Pausenrand).
Fehlende Kommunikation mit den Mitarbeitern: Ohne transparente Information entstehen Misstrauen und Verhaltensänderungen – beides verfälscht die Ergebnisse und führt unweigerlich zu Frustration bei den beobachteten Mitarbeitern.
Zu kurze Beobachtungsdauer: Eine Woche reicht in den meisten Fällen aus, wenn der Stichprobenumfang stimmt. Wer jedoch saisonale oder auftragsbezogene Schwankungen erfassen will, muss die Aufnahme auf mehrere Perioden verteilen. Wichtig ist auch eine schichtübergreifende Durchführung der MMA.
Fazit: Überblick schaffen, bevor man optimiert
Die Multimomentaufnahme liefert etwas, das viele Betriebe nicht haben: ein objektives, zahlenbasiertes Bild davon, wie die Arbeitszeit im Betrieb wirklich verteilt ist. Nicht als Kontrollinstrument, sondern als Grundlage für fundierte Entscheidungen.
Wer weiß, dass 4 % der Arbeitszeit auf Warten entfällt, kann gezielt in die Fertigungsabläufe investieren. Wer das nicht weiß, optimiert auf Verdacht – und oft am falschen Hebel.
Die MMA ist damit eine der kosteneffizientesten Methoden der Prozessdatenermittlung: geringer Aufwand, breiter Erkenntnisgewinn, direkt verwertbare Ergebnisse.
Um Fehler zu minimieren und die Effizienz zu steigern wird zur Datenerfassung und Auswertung z.B. das System der Firma dmc-ortim GmbH verwendet. Die Datenerfassung findet mit Hilfe von Tablets statt. Die folgende Auswertung dann mit der entsprechenden Software dazu.
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Autor: [Tino Teubner] | Unternehmensberater für Zeitwirtschaft und Prozessoptimierung | www.zwfm.de