Die Vorgabezeit nach REFA-Methodenlehre – Grundlagen, Aufbau und Praxis

1. Einleitung

In der industriellen Fertigung und der Arbeitswissenschaft ist die Vorgabezeit eine der zentralen Größen der Zeitwirtschaft. Sie gibt an, wie viel Zeit für die Erfüllung einer definierten Arbeitsaufgabe unter festgelegten Bedingungen planmäßig zur Verfügung steht. Die Vorgabezeit ist damit die Grundlage für:

  • die Kapazitäts- und Terminplanung
  • die Kalkulation von Herstellkosten
  • die Entlohnung (insbesondere im Akkord- und Prämienlohn)
  • die Leistungsbeurteilung und den Soll-Ist-Vergleich

Die REFA-Methodenlehre (Verband für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung) hat die Systematik der Vorgabezeit in Deutschland maßgeblich geprägt und standardisiert. Sie unterscheidet klar zwischen verschiedenen Zeitarten, deren Verständnis die Voraussetzung für eine korrekte Zeitwirtschaft ist.


2. Überblick: Das REFA-Zeitgliederungsschema

Die REFA-Methodenlehre gliedert die Vorgabezeit hierarchisch in einzelne Bestandteile. Die folgende Übersicht zeigt die vollständige Struktur:

Vorgabezeit (T)
├── Rüstzeit (tr)
│   ├── Grundzeit (tgr)
│   ├── Erholungszeit (ter)
│   └── Verteilzeit (tvr)
└── Einzelzeit (te)
    ├── Grundzeit (tg)
    │   ├── Hauptzeit (th)
    │   └── Nebenzeit (tn)
    ├── Erholungszeit (ter)
    └── Verteilzeit (tv)

Hinweis zur Notation: In der REFA-Systematik werden Kürzel teilweise kontextabhängig verwendet. In diesem Artikel wird durchgängig die gängige Praxisnotation verwendet, wie sie in Lehre und Betrieb verbreitet ist.

Die Vorgabezeit (T) setzt sich damit grundsätzlich zusammen aus:

T = tr + te
te = tg + ter + tv

Im Mittelpunkt dieses Artikels stehen die Grundzeit (tg) und die Istzeit (ti) als fundamentale Bausteine der Zeitermittlung.


3. Die Istzeit (ti) – Die gemessene Nettozeit

3.1 Definition

Die Istzeit (ti) ist die tatsächlich gemessene Zeitdauer für einen einzelnen Ablaufabschnitt oder einen vollständigen Arbeitsvorgang, so wie sie bei der Zeitaufnahme (Stoppuhr-Messung) direkt abgelesen wird. Sie ist die unkorrigierte Rohgröße aus der Beobachtung – noch ohne Berücksichtigung des Leistungsgrades.

Die Istzeit ist das, was die Stoppuhr zeigt.

3.2 Charakteristika der Istzeit

  • Sie ist leistungsabhängig: Ein schneller Werker erzeugt eine kürzere ti, ein langsamer Werker eine längere ti.
  • Sie schwankt je nach Tagesform, Erfahrung und Motivation des Beobachteten.
  • Sie ist der Ausgangspunkt für alle weiteren Berechnungen.
  • Mehrere Istzeitmessungen werden statistisch ausgewertet (Mittelwertbildung, Ausreißerprüfung).

3.3 Erfassung der Istzeit

Bei der Zeitaufnahme nach REFA werden für jeden Ablaufabschnitt mehrere Istzeiten gemessen. Die Anzahl der notwendigen Messungen richtet sich nach der gewünschten statistischen Sicherheit und wird durch die REFA-Tabellen zur Stichprobenplanung bestimmt.

Aus den Einzelmessungen wird ein repräsentativer Wert gebildet:

ti (repräsentativ) = arithmetisches Mittel der Istzeiten
                     (nach Ausreißerbereinigung)

4. Die Grundzeit (tg) – Die leistungsbereinigte Normalzeit

4.1 Definition

Die Grundzeit (tg) ist die aus der Istzeit leistungsgradbereinigte Zeit für einen Ablaufabschnitt. Sie gibt an, wie lange ein Arbeitsvorgang bei Normalleistung (LG = 100 %) dauern würde. In älteren REFA-Ausgaben wird die Grundzeit auch als „Normalzeit” bezeichnet.

Die Grundzeit ist das, was die Aufgabe bei Normalleistung kosten würde.

4.2 Berechnung der Grundzeit

tg = ti × (LG / 100)
SymbolBedeutung
tgGrundzeit (in Minuten oder Sekunden)
tiIstzeit / gemessene Istzeit
LGLeistungsgrad (in %)

Beispiel:

  • Gemessene Istzeit: ti = 0,90 min
  • Beurteilter Leistungsgrad: LG = 120 %
  • Grundzeit: tg = 0,90 × 1,20 = 1,08 min

Der Werker hat 20 % schneller als normal gearbeitet. Die Grundzeit ist entsprechend höher als die Istzeit – sie korrigiert die Messung „nach oben”, um das erhöhte Tempo auszugleichen.

4.3 Grundzeit bei Maschinenzeiten

Für maschinengebundene Zeiten (Bearbeitungszeiten, die der Maschinentakt vorgibt) wird kein Leistungsgrad angesetzt, da die Maschine unabhängig vom Werker läuft. Hier gilt:

tg (maschinell) = ti (maschinell)   [LG = 100 %, da keine menschliche Beeinflussung]

5. Hauptzeit (th) und Nebenzeit (tn) als Bestandteile der Grundzeit

Die REFA-Methodenlehre untergliedert die Grundzeit (tg) weiter in:

5.1 Hauptzeit (th)

Die Hauptzeit ist die Zeit, in der die eigentliche wertschöpfende Veränderung am Werkstück stattfindet – also der direkte Bearbeitungsvorgang:

  • Drehen, Fräsen, Schweißen, Montieren
  • Maschinenlaufzeit, in der das Werkstück bearbeitet wird

5.2 Nebenzeit (tn)

Die Nebenzeit umfasst alle Tätigkeiten, die notwendig, aber nicht direkt wertschöpfend sind:

  • Werkstück einlegen und entnehmen
  • Maschine starten und stoppen
  • Werkzeug wechseln (innerhalb des Vorgangs)
  • Messen und Prüfen

Zusammenfassung:

tg = th + tn

6. Erholungszeit (ter) und Verteilzeit (tv)

Zusätzlich zur Grundzeit enthält die Ausführungszeit zwei Zuschlagskomponenten:

6.1 Erholungszeit (ter)

Die Erholungszeit berücksichtigt die physische und psychische Beanspruchung des Werkers. Sie umfasst:

  • Kurze Erholungspausen (z. B. nach schwerer körperlicher Arbeit)
  • Persönliche Verteilzeiten (Toilettengang, Trinken)

Sie wird als prozentualer Zuschlag auf die Grundzeit berechnet und richtet sich nach der Beanspruchungsart (Tabellenwerte nach REFA/RGTV).

Typische Erholungszeitanteile:

BeanspruchungZuschlag (%)
Leichte körperliche Arbeit, sitzend4 – 6 %
Mittelschwere Arbeit, stehend7 – 10 %
Schwere körperliche Arbeit12 – 18 %
Hohe Konzentration / Lärm+ 2 – 5 % zusätzlich

6.2 Verteilzeit (tv)

Die Verteilzeit deckt unregelmäßig auftretende, unvermeidliche Unterbrechungen ab, die nicht dem einzelnen Stück direkt zugeordnet werden können:

  • Kurze Maschinenstörungen und Werkzeugwechsel außerhalb des Takts
  • Rückfragen, Anweisungen empfangen
  • Qualitätsprüfungen in zufälligen Abständen

Auch die Verteilzeit wird als prozentualer Zuschlag auf die Grundzeit angesetzt (typisch: 3 – 8 %).


7. Die Rüstzeit (tr)

Die Rüstzeit umfasst alle Tätigkeiten, die einmalig pro Auftrag oder Los anfallen – unabhängig von der Stückzahl:

  • Maschine einrichten, Werkzeuge und Vorrichtungen montieren
  • Erste Musterteile prüfen (Erstmusterprüfung)
  • Unterlagen sichten, Programm einlesen (bei CNC)
  • Maschine nach dem Auftrag reinigen und abräumen

Die Rüstzeit wird auf die Losgröße umgelegt, um den Rüstzeitanteil pro Stück zu berechnen:

tr (pro Stück) = Gesamtrüstzeit / Losgröße

Bei großen Losen ist der Rüstzeitanteil pro Stück gering; bei Kleinserienfertigung kann er erheblich ins Gewicht fallen.


8. Vollständige Berechnung der Vorgabezeit – Schritt für Schritt

Gesamtformel

te = (tg + ter + tvz) + tr(Stück)
T = tg × (1 + er + vz) + tr(Stück)

er = Erholungszeitanteil als Dezimalzahl, vz = Verteilzeitanteil als Dezimalzahl

Ausführliches Rechenbeispiel

Aufgabe: Berechnung der Vorgabezeit für einen Montagvorgang (Lagergehäuse zusammenbauen).

Gegebene Werte aus der Zeitaufnahme:

ParameterWert
Istzeit ti (gemessen, Mittelwert)2,40 min
Leistungsgrad LG110 %
Erholungszeitanteil (er)8 %
Verteilzeitanteil (vz)5 %
Gesamtrüstzeit für den Auftrag30 min
Losgröße50 Stück

Schritt 1: Grundzeit berechnen

tg = ti × (LG / 100)
tg = 2,40 min × (110 / 100)
tg = 2,40 min × 1,10
tg = 2,64 min

Der Werker hat 10 % schneller als normal gearbeitet → die Grundzeit ist größer als die Einzelzeit.


Schritt 2: Erholungszeit berechnen

ter = tg × er
ter = 2,64 min × 0,08
ter = 0,211 min

Schritt 3: Verteilzeit berechnen

tvz = tg × vz
tvz = 2,64 min × 0,05
tvz = 0,132 min

Schritt 4: Ausführungszeit (ohne Rüstzeit)

ta = tg + ter + tvz
ta = 2,64 + 0,211 + 0,132
ta = 2,983 min  ≈ 2,98 min

Oder kompakt:

ta = tg × (1 + 0,08 + 0,05) = 2,64 × 1,13 = 2,983 min

Schritt 5: Rüstzeitanteil pro Stück

tr (Stück) = 30 min / 50 Stück = 0,60 min/Stück

Schritt 6: Vorgabezeit

T = ta + tr (Stück)
T = 2,983 min + 0,60 min
T = 3,583 min  ≈ 3,58 min pro Stück

Ergebniszusammenfassung

ZeitartBerechnungErgebnis
Istzeit (ti)Messung2,40 min
Grundzeit (tg)ti × LG/1002,64 min
Erholungszeit (ter)tg × 0,080,21 min
Verteilzeit (tvz)tg × 0,050,13 min
Ausführungszeit (ta)tg + ter + tvz2,98 min
Rüstzeitanteil/Stück30 min / 500,60 min
Vorgabezeit (T)ta + tr/Stück3,58 min

9. Gegenüberstellung: Istzeit vs. Grundzeit

MerkmalIstzeit (ti)Grundzeit (tg)
DefinitionGemessene IstzeitLeistungsgradbereinigte Normalzeit
AbhängigkeitLeistungsabhängigLeistungsunabhängig (normiert)
ErmittlungStoppuhrmessungBerechnung: ti × LG/100
SchwankungJa, je nach WerkerNein (konstant bei korrekter Schätzung)
VerwendungRohdaten-BasisBasis für Vorgabezeit
Leistungsgrad nötig?NeinJa

Merksatz: Die Istzeit ist das Ergebnis der Beobachtung/Messung. Die Grundzeit ist das Ergebnis der Bewertung der Istzeit mit dem Leistungsgrad.


10. Praktische Bedeutung und häufige Fehlerquellen

10.1 Warum die Unterscheidung so wichtig ist

Werden Istzeit und Grundzeit verwechselt oder der Leistungsgrad nicht korrekt angesetzt, entstehen systematische Fehler in der Planung:

  • Zu niedriger LG geschätzt → tg zu niedrig → Vorgabezeit zu knapp → Werker kann Vorgabe dauerhaft nicht erfüllen → Frustration, Lohndruck, falscher Preis wird kalkuliert
  • Zu hoher LG geschätzt → tg zu hoch → Vorgabezeit zu großzügig → Plankapazität wird überschätzt → Lieferterminprobleme, unwirtschaftliche Kalkulation (Produkt zu teuer)

10.2 Häufige Fehlerquellen in der Praxis

  1. Zu wenige Messungen: Einzelne Ausreißer verfälschen den Mittelwert der Einzelzeiten.
  2. Schlechte Leistungsgradbeurteilung: Der Zeitnehmer ist nicht ausreichend trainiert (REFA empfiehlt regelmäßige Kalibrierungsübungen).
  3. Vergessene Ablaufabschnitte: Nicht alle Tätigkeiten werden beobachtet und gemessen.
  4. Falsche Zuschlagssätze: Erholungs- und Verteilzeiten werden pauschal geschätzt statt systematisch ermittelt. (Ermittlung z.B. mittels Multimomentaufnahme)
  5. Losgröße nicht berücksichtigt: Rüstzeit wird nicht korrekt auf die Stückzahl umgelegt.

11. Anwendung der Vorgabezeit in der Praxis

11.1 Kapazitätsplanung

Kapazität [Stück/Schicht] = Schichtzeit [min] / T [min/Stück]

Beispiel: 480 min / 3,58 min = ca. 134 Stück pro Schicht

11.2 Stückkostenberechnung

Lohnkosten/Stück = T [min] × Lohnkostensatz [€/min]

Beispiel: 3,58 min × 0,42 €/min = 1,50 € Lohnkosten pro Stück

11.3 Akkordlohn

Im Zeitakkord wird die Vorgabezeit direkt zur Ermittlung des Akkordsatzes verwendet. Überschreitet der Werker die Vorgabe, erzielt er einen Lohnzuschlag.


12. Zusammenfassung und Fazit

Die REFA-Systematik schafft durch ihre klare Zeitgliederung eine einheitliche, nachvollziehbare und faire Grundlage für die Zeitwirtschaft im Unternehmen. Die wichtigsten Zusammenhänge auf einen Blick:

Istzeit (ti)         ← Messung (Stoppuhr, leistungsabhängig)
        ↓ × Leistungsgrad
Grundzeit (tg)          ← Bewertung (Normalleistung, leistungsbereinigt)
        ↓ + Erholungs- und Verteilzeitzuschlag
Ausführungszeit (ta)    ← Planungsgröße für die Fertigung
        ↓ + Rüstzeitanteil pro Stück
Vorgabezeit (T)        ← Verbindliche Soll-Zeit für Planung und Lohn

Der Unterschied zwischen Istzeit und Grundzeit ist dabei kein akademisches Detail, sondern der entscheidende Schritt von einer subjektiven Beobachtung zu einer objektiven, vergleichbaren und betriebswirtschaftlich nutzbaren Kennzahl. Nur wer diesen Zusammenhang beherrscht, kann Zeitdaten korrekt erheben, interpretieren und anwenden.


Literatur und Quellen: REFA-Methodenlehre der Betriebsorganisation, Teil 2 „Datenermittlung” (REFA-Verband, Darmstadt); REFA-Grundausbildung Arbeitsorganisation; Luczak/Stork: Arbeitswissenschaft, Springer-Verlag

← Zurück zur Übersicht