Kostenrechnung & Zeitwirtschaft · Juli 2026 · ca. 15 Minuten Lesezeit
Der Personalstundensatz ist eine der zentralen Kalkulationsgrößen in jedem Fertigungsunternehmen. Er bestimmt, welche Personalkosten einem Produkt oder Auftrag zugerechnet werden – und damit unmittelbar den kalkulierten Preis, den Deckungsbeitrag und die Wirtschaftlichkeit betrieblicher Entscheidungen. Seine korrekte Berechnung ist untrennbar mit der Qualität der zugrunde liegenden Vorgabezeiten verbunden.
1. Begriff und Funktion des Personalstundensatzes
1.1 Definition
Der Personalstundensatz (auch: Lohnstundensatz, Fertigungsstundensatz Mensch) gibt an, welche Personalkosten pro geleisteter Fertigungsstunde entstehen. Er ist das Produkt aus allen direkt und indirekt dem Arbeitsplatz zurechenbaren Personalkosten, bezogen auf die produktiv nutzbare Arbeitszeit.
Personalstundensatz = Gesamte Personalkosten (Periode)
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Produktiv nutzbare Stunden (Periode)
Der Personalstundensatz ist damit keine feste Größe, sondern ein betriebsspezifischer, perioden- und arbeitsplatzbezogener Wert, der von der Kostenstruktur des Unternehmens und – entscheidend – von der Qualität der Zeitermittlung abhängt.
1.2 Verwendungszwecke
Der Personalstundensatz wird in mehreren betrieblichen Zusammenhängen verwendet:
- Produktkalkulation: Zurechnung der Personalkosten auf Basis der Vorgabezeit je Arbeitsgang und Arbeitsplatz
- Angebotskalkulation: Ermittlung der Fertigungskosten für neue Aufträge vor deren Realisierung
- Grenzkostenrechnung: Bestimmung der variablen Personalkosten je Einheit (vgl. separater Artikel)
- Kapazitätskostenrechnung: Bewertung ungenutzter Kapazitäten (Leerkosten)
- Make-or-Buy-Analyse: Vergleich der internen Personalkosten mit externen Beschaffungspreisen
- Wirtschaftlichkeitsvergleiche: Bewertung von Automatisierungsinvestitionen gegenüber Personalkosten
2. Komponenten des Personalstundensatzes
2.1 Direkte Personalkosten (Bruttoentgelt)
Die Basis des Personalstundensatzes bildet das tarifliche oder vereinbarte Bruttoentgelt der Beschäftigten. Je nach Entgeltform (Zeitlohn, Akkordlohn, Prämienentlohnung) kann dieser Wert variabel sein; für die Kostensatzkalkulation wird in der Regel ein Normalentgelt (Entgelt bei Normalleistung) angesetzt.
Bestandteile des Bruttoentgelts:
Grundlohn / Gehalt (tariflich oder einzelvertraglich)
+ Leistungszulage / Prämie (bei Normalleistung)
+ Zulagen (Schicht, Erschwernis) (soweit regelmäßig anfallend)
+ Urlaubsentgelt (anteilig)
+ Entgeltfortzahlung Krankheit (statistischer Durchschnittswert)
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= Normales Jahresbruttoentgelt
2.2 Arbeitgeberanteil Sozialversicherung
Auf das Bruttoentgelt fallen Arbeitgeberbeiträge zur gesetzlichen Sozialversicherung an. Diese sind in der Kalkulation zwingend einzubeziehen, da sie unmittelbar durch das Beschäftigungsverhältnis ausgelöst werden.
Sozialversicherungsbeiträge AG (ca.-Werte, Stand 2025/2026):
Rentenversicherung: 9,30 %
Krankenversicherung: 7,30 % + kassenindividueller Zusatzbeitrag
Pflegeversicherung: 1,80 % (ggf. + 0,35 % kinderlos)
Arbeitslosenversicherung: 1,30 %
Unfallversicherung: 0,5–3,0 % (berufsgenossenschaftlich)
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Gesamt AG-Anteil: ca. 20–22 % auf das Bruttoentgelt
(Beitragsbemessungsgrenzen beachten!)
2.3 Personalnebenkosten
Neben den Sozialversicherungsbeiträgen entstehen weitere Personalnebenkosten, die dem Personalstundensatz zuzurechnen sind:
- Betriebliche Altersversorgung (arbeitgeberfinanzierter Anteil)
- Berufskleidung und Schutzausrüstung
- Betriebliche Weiterbildung und Qualifizierung
- Personalverwaltungskosten (anteilig)
- Betriebsärztliche Betreuung
- Betriebsfeste, Jubiläumszuwendungen (anteilig)
- Vermögenswirksame Leistungen (arbeitgeberfinanziert)
Diese Nebenkosten variieren stark zwischen Unternehmen und werden typischerweise als prozentualer Zuschlag auf das Bruttoentgelt erfasst (oft 5–15 %).
2.4 Gesamte Personalkosten je Beschäftigten
Gesamte Personalkosten = Bruttoentgelt
+ Arbeitgeberanteil SV
+ Personalnebenkosten
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Beispielrechnung (Facharbeiter, Tarifgruppe EG 7):
Jahresbruttoentgelt: 42.000 €
AG-Anteil SV (21 %): 8.820 €
Personalnebenkosten (8 %): 3.360 €
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Gesamte Personalkosten/Jahr: 54.180 €
3. Die produktiv nutzbare Zeit – Herzstück der Stundenberechnung
Hier liegt die entscheidende Verbindung zur Zeitwirtschaft: Der Nenner des Personalstundensatzes ist nicht die vertraglich vereinbarte Jahresarbeitszeit, sondern die tatsächlich produktiv nutzbare Zeit. Diese ist erheblich geringer – und ihre korrekte Ermittlung hängt unmittelbar von validen Vorgabezeiten und empirisch ermittelten Zeitanteilen nach REFA-Methodik ab.
3.1 Von der Jahresarbeitszeit zur produktiven Zeit
ERMITTLUNG DER PRODUKTIV NUTZBAREN JAHRESSTUNDEN
Bruttoarbeitszeit (tarifliche Jahresarbeitszeit): 1.960 h
(Basis: 5 Tage × 8 h × 49 Wochen; ca.-Wert je Tarif)
Abzüge (nicht produktive Zeiten):
− Gesetzlicher/tariflicher Urlaub: − 160 h (20–30 Tage)
− Gesetzliche Feiertage: − 72 h (ca. 9 Tage)
− Krankheitsausfälle (statistisch): − 130 h (ca. 6,5 %)
− Fortbildung / Schulungen: − 24 h (ca. 3 Tage)
− Betriebsversammlungen / BR-Arbeit: − 8 h
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Netto-Anwesenheitszeit: 1.566 h
Abzüge während der Anwesenheit:
− Tarifliche Pausen (nicht vergütet): 0 h (falls unbezahlt)
− Persönliche Verteilzeit (t_vp): − 75 h (ca. 4,8 % der Nettoanwesenheit)
− Sachliche Verteilzeit (t_vs): − 95 h (ca. 6,1 %)
− Erholungszeit (t_e): − 90 h (ca. 5,8 %)
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Produktiv nutzbare Grundzeit: 1.306 h
Weitere Abzüge:
− Rüstzeiten (soweit nicht produktiv): − 80 h (ca. 5 % der Anwesenheit)
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Produktive Fertigungszeit (Vorgabezeit): 1.226 h / Jahr
Diese Zahl ist der korrekte Nenner des Personalstundensatzes – nicht die 1.960 h Bruttoarbeitszeit.
3.2 Die Bedeutung der Verteilzeiten für den Nenner
Die sachliche Verteilzeit, die persönliche Verteilzeit und die Erholungszeit sind unvermeidliche, betrieblich notwendige Zeitanteile, die empirisch durch REFA-Zeitstudien ermittelt werden. Sie reduzieren die produktiv nutzbare Zeit – und erhöhen damit den Personalstundensatz.
Das ist keine Schwäche des Systems, sondern seine Stärke: Ein Personalstundensatz, der diese Zeitanteile korrekt berücksichtigt, gibt den tatsächlichen Ressourcenverbrauch je Vorgabezeitstunde wieder. Ein Stundensatz, der auf der Bruttoarbeitszeit oder einer zu optimistischen produktiven Zeit basiert, unterschätzt die tatsächlichen Kosten – mit denselben Folgen wie bei fehlerhaften Vorgabezeiten.
Vergleichsrechnung: Auswirkung des Zeitansatzes auf den Personalstundensatz
Gesamte Personalkosten: 54.180 €/Jahr
Variante A: Nenner = Bruttoarbeitszeit (1.960 h)
Personalstundensatz: 54.180 / 1.960 = 27,64 €/h ← zu niedrig
Variante B: Nenner = Netto-Anwesenheitszeit (1.566 h)
Personalstundensatz: 54.180 / 1.566 = 34,60 €/h ← noch immer zu niedrig
Variante C: Nenner = Produktive Fertigungszeit (1.226 h) ← KORREKT
Personalstundensatz: 54.180 / 1.226 = 44,19 €/h
Differenz A zu C: +16,55 €/h = +60 % Unterschätzung bei Variante A
Diese Differenz ist dramatisch: Wer mit dem falschen Nenner rechnet, kalkuliert Fertigungsprodukte um 60 % zu günstig – und wundert sich, warum Aufträge nicht kostendeckend sind.
4. Vorgabezeiten als Bezugsgröße der Produktkalkulation
4.1 Korrekte Verknüpfung von Stundensatz und Vorgabezeit
Der Personalstundensatz hat nur dann Aussagekraft, wenn er mit der richtigen Zeitgröße multipliziert wird. Die korrekte Verknüpfung ist:
Personalkosten je Stück = Vorgabezeit (t_vorg) × Personalstundensatz
t_vorg = t_g × (1 + z_e + z_vs + z_vp)
t_g = Grundzeit (aus Zeitaufnahme mit Leistungsgradbeurteilung)
z_e = Erholungszeitzuschlag
z_vs = Sachlicher Verteilzeitzuschlag
z_vp = Persönlicher Verteilzeitzuschlag
Die Vorgabezeit enthält bereits alle Zuschläge – und der Personalstundensatz ist auf die Vorgabezeit kalibriert (Nenner = produktive Fertigungszeit auf Vorgabezeitbasis). Beide müssen konsistent sein: Wenn der Personalstundensatz auf Basis der Bruttoarbeitszeit berechnet wurde (Variante A), muss er mit der Grundzeit multipliziert werden – nicht mit der Vorgabezeit. In der Praxis werden diese Ebenen jedoch häufig vermischt, was zu systematischen Fehlern führt.
Empfehlung: Immer konsistente Paare verwenden:
- Stundensatz auf Vorgabezeitbasis × Vorgabezeit (korrekte Methode)
- Stundensatz auf Grundzeitbasis × Grundzeit (nur für Grundzeitkosten)
4.2 Arbeitsplatz- und Kostenstellenbezug
Ein einheitlicher Personalstundensatz für alle Arbeitsplätze ist in den meisten Fällen eine unzulässige Vereinfachung. Personalkosten unterscheiden sich zwischen Arbeitsplätzen durch unterschiedliche Tarifgruppen und Qualifikationen, unterschiedliche Schichtzulagen (Früh-, Spät-, Nachtschicht), unterschiedliche Erschwernis- und Funktionszulagen sowie unterschiedliche Verteilzeitzuschläge (je nach Arbeitsplatzspezifika).
Beispiel: Kostenstellenbezogene Personalstundensätze
Kostenstelle Brutto AG-SV Nebenk. Gesamt Prod.h €/h
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KSt 100 Drehen 42.000 8.820 3.360 54.180 1.226 44,19 €
KSt 200 Fräsen CNC 48.000 10.080 3.840 61.920 1.210 51,17 €
KSt 300 Schleifen 44.000 9.240 3.520 56.760 1.180 48,10 €
KSt 400 Montage 38.000 7.980 3.040 49.020 1.240 39,53 €
Nur mit kostenstellenbezogenen Personalstundensätzen ist eine verursachungsgerechte Produktkalkulation möglich.
5. Vollständiges Kalkulationsbeispiel
5.1 Produktkalkulation mit Personalstundensätzen und Vorgabezeiten
PRODUKTKALKULATION – Drehteil D-4711 (Losgröße 200 Stück)
MATERIALKOSTEN:
Rohmaterial Stahl C45: 3,4 kg × 2,85 €/kg = 9,69 €
Zukaufteile: = 1,80 €
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Materialkosten gesamt: = 11,49 €
FERTIGUNGSKOSTEN (Personalkosten):
Arbeitsgang 10 – Drehen (KSt 100):
Vorgabezeit: 9,20 min/St. = 0,153 h
Personalstundensatz: 44,19 €/h
Personalkosten: 0,153 × 44,19 = 6,77 €
Arbeitsgang 20 – Fräsen CNC (KSt 200):
Vorgabezeit: 4,80 min/St. = 0,080 h
Personalstundensatz: 51,17 €/h
Personalkosten: 0,080 × 51,17 = 4,09 €
Arbeitsgang 30 – Schleifen (KSt 300):
Vorgabezeit: 3,10 min/St. = 0,052 h
Personalstundensatz: 48,10 €/h
Personalkosten: 0,052 × 48,10 = 2,50 €
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Fertigungskosten Personal gesamt: = 13,36 €
RÜSTKOSTEN JE STÜCK (Personalanteil):
AG 10: 38 min × 44,19 €/h / 60 / 200 St. = 0,14 €
AG 20: 25 min × 51,17 €/h / 60 / 200 St. = 0,11 €
AG 30: 18 min × 48,10 €/h / 60 / 200 St. = 0,07 €
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Rüstkosten Personal je Stück: = 0,32 €
FERTIGUNGSGEMEINKOSTEN (Maschinenstundensatz, separat):
[Maschinenkosten werden über separaten Maschinenstundensatz ermittelt]
PERSONALKOSTEN GESAMT JE STÜCK:
Materialkosten: 11,49 €
Fertigungskosten Personal: 13,36 €
Rüstkosten Personal: 0,32 €
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SUMME PERSONALANTEIL: 25,17 €
5.2 Sensitivität gegenüber Vorgabezeitfehlern
Auswirkung von Vorgabezeitfehlern auf die Personalkosten je Stück
(Fertigungskosten Personal, alle Arbeitsgänge):
Vorgabezeit Personalkosten Abweichung vom korrekten Wert
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−25 % (zu optimistisch) 10,02 € −3,34 € (−25 %)
−15 % (leicht niedrig) 11,36 € −2,00 € (−15 %)
−10 % 12,02 € −1,34 € (−10 %)
0 % (korrekt) 13,36 € 0 €
+10 % 14,70 € +1,34 € (+10 %)
+15 % (konservativ) 15,36 € +2,00 € (+15 %)
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Diese Tabelle verdeutlicht: Ein Vorgabezeitfehler von −25 % (z.B. durch optimistische Schätzung ohne Verteilzeitzuschläge) führt zu einer Unterschätzung der Personalkosten um 3,34 €/Stück. Bei einem Verkaufspreis von 58 €/Stück und einem angestrebten Deckungsbeitrag von 15 €/Stück würde der tatsächliche Deckungsbeitrag auf unter 12 € sinken – eine Verfehlung des Kalkulationsziels um über 20 %.
6. Häufige Fehler bei der Personalstundensatzberechnung
Fehler 1: Bruttoarbeitszeit als Nenner
Der häufigste und folgenreichste Fehler: Die Jahresarbeitszeit aus dem Tarifvertrag (z.B. 1.960 Stunden) wird als Nenner verwendet, ohne Urlaub, Feiertage, Krankheit, Verteilzeiten und Erholungszeiten abzuziehen. Das Ergebnis ist ein drastisch zu niedriger Personalstundensatz.
Korrektur: Systematische Ermittlung der produktiv nutzbaren Zeit unter Einbeziehung aller Ausfallzeiten und REFA-Verteilzeitanteile.
Fehler 2: Fehlende oder falsche Verteilzeiten
Wenn sachliche und persönliche Verteilzeiten sowie Erholungszeiten nicht empirisch ermittelt, sondern geschätzt oder pauschal auf branchenübliche Werte gesetzt werden, ist der Nenner fehlerhaft. Betriebe mit hohem technischen Störungsanteil (hohe sachliche Verteilzeit) oder körperlich belastenden Tätigkeiten (hohe Erholungszeit) haben deutlich weniger produktive Stunden als der Branchendurchschnitt.
Korrektur: Regelmäßige Multimomentaufnahmen nach REFA-Methodik zur empirischen Bestimmung der Verteilzeitzuschläge je Arbeitsplatz.
Fehler 3: Einheitlicher Stundensatz für alle Qualifikationen
Wenn ein Unternehmen Beschäftigte verschiedener Qualifikationsstufen (Hilfsarbeiter, Facharbeiter, Meister) an einem Arbeitsplatz einsetzt, sollte der Personalstundensatz den durchschnittlichen Qualifikationsmix widerspiegeln. Ein einheitlicher Satz für alle kann sowohl zu hohe als auch zu niedrige Kosten ausweisen.
Fehler 4: Vernachlässigung von Leistungsprämien
Bei Prämienentlohnung schwanken die Personalkosten mit dem Leistungsgrad. In der Kalkulation sollte der erwartete Prämienanteil bei Normalleistung einbezogen werden – nicht der Mindest- oder der Maximalwert.
Fehler 5: Fehlende Aktualisierung
Tariferhöhungen, Änderungen der Sozialversicherungsbeiträge, veränderte Verteilzeiten durch neue Prozesse oder Personalfluktuation erfordern eine regelmäßige Überprüfung und Aktualisierung des Personalstundensatzes – mindestens jährlich, bei wesentlichen Änderungen sofort.
7. Personalstundensatz und Kapazitätsplanung
7.1 Leerkosten und Nutzkosten
Der Personalstundensatz bildet auch die Grundlage für die Analyse von Leerkosten – jenen Kosten, die für ungenutzte Kapazitäten anfallen. Wenn ein Arbeitsplatz mit einem Personalstundensatz von 44,19 €/h an einem Tag nur 5 Stunden produktiv genutzt wird statt der geplanten 7,5 Stunden, entstehen Leerkosten:
Leerkosten = Ungenutzte Stunden × Personalstundensatz
= 2,5 h × 44,19 €/h = 110,48 €
Diese Leerkosten müssen durch die produktiv gefertigten Stücke
der genutzten Zeit mitgetragen werden.
Diese Betrachtung zeigt: Kapazitätsauslastung und Personalstundensatz sind untrennbar verknüpft. Korrekte Vorgabezeiten sind die Voraussetzung für eine realistische Kapazitätsplanung – und eine realistische Kapazitätsplanung ist die Voraussetzung für einen korrekten Personalstundensatz.
7.2 Auswirkung der Auslastung auf den effektiven Stundensatz
Effektiver Personalstundensatz bei variierender Auslastung:
Gesamte Personalkosten: 54.180 €/Jahr (fix, unabhängig von Auslastung)
Produktive Stunden (100 % Auslastung): 1.226 h → 44,19 €/h
Auslastung 80 %: 1.226 × 0,80 = 981 h → 54.180 / 981 = 55,23 €/h
Auslastung 60 %: 1.226 × 0,60 = 736 h → 54.180 / 736 = 73,62 €/h
Auslastung 120%: 1.226 × 1,20 = 1.471 h → 54.180 / 1.471 = 36,83 €/h
(z.B. durch Überstunden)
Dies verdeutlicht: Der Personalstundensatz ist keine statische Größe, sondern auslastungsabhängig. Für Kalkulationszwecke wird typischerweise eine Planbeschäftigung (z.B. 85 % Auslastung) zugrunde gelegt. Korrekte Vorgabezeiten sind die Voraussetzung für eine realistische Planung der produktiven Stunden.
8. Personalstundensatz vs. Maschinenstundensatz
In der modernen Fertigung – insbesondere bei CNC-Bearbeitung und automatisierten Prozessen – ist die Unterscheidung zwischen Personal- und Maschinenstundensatz von wachsender Bedeutung. Während bei manueller Arbeit der Personalstundensatz dominiert, sind bei maschinengebundenen Prozessen beide Kostenkomponenten relevant.
Fertigungskosten gesamt = (Vorgabezeit_Mensch × Personalstundensatz)
+ (Maschinenlaufzeit × Maschinenstundensatz)
Bei vollautomatisierten Prozessen:
Vorgabezeit_Mensch: nur Einrüst-, Überwachungs- und Handhabungsanteile
Maschinenlaufzeit: Hauptnutzungszeit der Maschine (Parallelzeit)
Je höher der Automatisierungsgrad, desto geringer der Anteil des Personalstundensatzes an den Gesamtfertigungskosten – und desto wichtiger wird der Maschinenstundensatz als dominante Kostengröße.
9. Rechtliche und tarifliche Rahmenbedingungen
9.1 Mindestlohn
Der gesetzliche Mindestlohn (MiLoG) bildet die absolute Untergrenze des Bruttoentgelts. Bei der Berechnung des Personalstundensatzes ist sicherzustellen, dass der effektive Stundenverdienst (einschließlich Prämien, aber bezogen auf die tatsächlich geleisteten Stunden) den Mindestlohn nicht unterschreitet. Dies ist besonders bei Leistungsentgeltsystemen zu beachten.
9.2 Tarifverträge
Tarifverträge legen Mindestentgelte je Entgeltgruppe sowie Zulagen und Zuschläge verbindlich fest. Der Personalstundensatz muss die tariflichen Mindestentgelte widerspiegeln; Unterschreitungen sind unzulässig.
9.3 Betriebsvereinbarungen
Soweit Betriebsvereinbarungen Entgeltregelungen (Prämien, Zulagen) enthalten, sind diese bei der Berechnung des Personalstundensatzes einzubeziehen. Änderungen von Betriebsvereinbarungen, die das Entgeltniveau beeinflussen, erfordern eine Anpassung des Stundensatzes.
10. Praktische Empfehlungen
- Vollständige Zeitanalyse vor der Stundensatzberechnung: Verteilzeiten und Ausfallzeiten empirisch durch REFA-Multimomentaufnahmen ermitteln – nicht pauschal schätzen.
- Kostenstellenbezogene Stundensätze verwenden: Unterschiedliche Qualifikationen, Maschinen und Schichtmodelle erfordern differenzierte Stundensätze.
- Konsistenz zwischen Stundensatz und Zeitgröße sicherstellen: Stundensatz auf Vorgabezeitbasis → mit Vorgabezeit multiplizieren. Kein Mischen von Bezugsgrößen.
- Jährliche Überprüfung und Aktualisierung: Tariferhöhungen, veränderte Sozialversicherungssätze und geänderte Verteilzeiten erfordern regelmäßige Neuberechnung.
- Planbeschäftigung realistisch ansetzen: Weder Vollauslastung noch zu konservative Auslastungsannahmen. Historische Auslastungsdaten und Auftragsplanung als Grundlage.
- Sensitivitätsanalyse bei Grenzentscheidungen: Bei knappen Deckungsbeiträgen prüfen, wie empfindlich das Ergebnis auf Vorgabezeitfehler und Auslastungsänderungen reagiert.
11. Fazit: Personalstundensatz und Vorgabezeit – zwei Seiten derselben Medaille
Der Personalstundensatz und die Vorgabezeit sind die zwei untrennbar verbundenen Eckpfeiler der fertigungsorientierten Personalkostenrechnung. Der Personalstundensatz bestimmt, welche Kosten pro Zeiteinheit entstehen; die Vorgabezeit bestimmt, wie viele Zeiteinheiten einer Einheit zuzurechnen sind. Fehler in einer dieser Größen verfälschen das Ergebnis der Produktkalkulation in gleichem Maße.
Ein methodisch korrekt berechneter Personalstundensatz – auf Basis der produktiv nutzbaren Zeit unter Einschluss aller REFA-Verteilzeiten und Ausfallzeiten – in Verbindung mit einer nach REFA-Methodik ermittelten, vollständigen Vorgabezeit ist die Grundlage für eine betriebswirtschaftlich belastbare Kalkulation. Nur auf dieser Basis sind Preisentscheidungen, Make-or-Buy-Analysen, Deckungsbeitragsrechnungen und Kapazitätsbewertungen wirklich aussagekräftig.
Die Qualität der Zeitwirtschaft ist damit keine interne Angelegenheit der Arbeitsvorbereitung – sie ist eine strategische Ressource, die die Qualität aller kostenbasierten Managemententscheidungen bestimmt.
Weiterführende Literatur:
- Kilger, W., Pampel, J. & Vikas, K. — Flexible Plankostenrechnung und Deckungsbeitragsrechnung (Gabler, aktuelle Aufl.)
- Schweitzer, M. & Küpper, H.-U. — Systeme der Kosten- und Erlösrechnung (Vahlen, aktuelle Aufl.)
- REFA-Bundesverband e. V. — Methodenlehre des Arbeitsstudiums, Teil 2: Zeitwirtschaft (Hanser)
- Bokranz, R. & Landau, K. — Produktivitätsmanagement von Arbeitssystemen (2006)
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales — Tarifvertragliche Regelungen und Sozialversicherungsrecht (aktuelle Ausgabe)