Zehntägige REFA-Inhouse-Schulung zu Zeitstudien bei einem Flugzeughersteller

Erfahrungsbericht · Oktober 2026 · ca. 16 Minuten Lesezeit

Die Luftfahrtindustrie zählt zu den regulierungsdichtesten und qualitätssensibelsten Fertigungsbranchen weltweit. Präzise Zeitdaten sind hier nicht nur betriebswirtschaftliche Steuerungsgröße, sondern Grundlage für Kapazitätsnachweise, Zertifizierungsanforderungen und die Planung hochkomplexer Montageprozesse. Dieser Bericht beschreibt Konzeption, Durchführung und Ergebnis einer zehntägigen REFA-Inhouse-Schulung bei einem namhaften Flugzeughersteller, in der Mitarbeitende des Industrial Engineering vollumfänglich zur eigenständigen Durchführung elektronisch gestützter Zeitstudien qualifiziert wurden.

1. Ausgangssituation und Schulungsbedarf

1.1 Branchenspezifische Anforderungen

Die Fertigung und Montage von Flugzeugen stellt an die Zeitwirtschaft außergewöhnlich hohe Anforderungen. Montagevorgänge sind hochkomplex, arbeitsteilig und unterliegen strengen Qualitäts- und Sicherheitsvorschriften. Jeder Arbeitsvorgang ist durch Arbeitsanweisungen, Qualitätsstandards und Zulassungsvorschriften reglementiert; Abweichungen vom definierten Ablauf sind in vielen Fällen nicht tolerierbar. Gleichzeitig sind die Zykluszeiten lang, die Losgrößen klein bis sehr klein, und die Anzahl der Varianten hoch.

In diesem Umfeld ist eine belastbare, methodisch einwandfreie Zeitermittlung eine unverzichtbare Grundlage für Kapazitätsplanung, Arbeitsstudien, Personalbedarfsermittlung und die Kalkulation von Angebotspreisen bei Entwicklungs- und Serienaufträgen. Das Unternehmen hatte festgestellt, dass die bisher vorhandene Kompetenz in der Zeitwirtschaft nicht ausreichte, um den gestiegenen Anforderungen an Tiefe, Vollständigkeit und methodische Sauberkeit der Zeitdaten gerecht zu werden.

1.2 Schulungsbedarf und Zielgruppe

Die Zielgruppe der Schulung waren Mitarbeitende des Industrial Engineering sowie ausgewählte Fachkräfte aus der Arbeitsvorbereitung und Fertigungsplanung. Diese Gruppe sollte nach Abschluss der Schulung in der Lage sein, den gesamten Prozess einer REFA-Zeitstudie – von der Vorbereitung über die Durchführung bis zur Auswertung und Dokumentation – vollständig eigenständig zu beherrschen. Die Schulung wurde als Inhouse-Maßnahme konzipiert, um die erworbenen Kompetenzen unmittelbar an realen Produktionsprozessen des Unternehmens zu verankern.

2. Schulungskonzept und Aufbau

2.1 Grundprinzip: Theorie und Praxis im Wechsel

Das Schulungskonzept folgte konsequent dem Prinzip der unmittelbaren Verknüpfung von Theorie und Praxis. Jeder theoretisch erarbeitete Inhalt wurde in derselben oder der folgenden Schulungseinheit in einem realen Fertigungskontext erprobt und vertieft. Dieser Wechsel zwischen Vermittlung und Anwendung ist in der Zeitwirtschaftsschulung besonders wirkungsvoll: Konzepte wie Leistungsgradbeurteilung, Ablaufabschnittsdefinition oder Verteilzeitklassifikation erschließen sich erst durch die praktische Anwendung in echten Arbeitssituationen vollständig.

2.2 Zehntägige Schulungsstruktur

Tag Thema Inhalte
1–2 REFA-Grundlagen und Zeitartenmodell Arbeitssystem, Ablaufarten, Zeitartenstruktur; Grundzeit, Verteilzeit, Erholungszeit, Rüstzeit; Vorgabezeit: Aufbau und Berechnungsformeln
3 Leistungsgradbeurteilung: Theorie und Kalibrierung Definition Normalleistung (LG = 100 %); Kalibrierungsübungen, Vergleichsbeurteilungen; Bedeutung und Auswirkung von Beurteilungsfehlern
4 Ablaufanalyse und Abschnittsabgrenzung Strukturierung von Arbeitsvorgängen in Abschnitte; simultane Erarbeitung der Ablaufabschnitte; Klassifikation: Rüsten, Haupt-, Nebenzeiten, Verteilzeiten, Störungen
5 Anmeldung der Zeitstudie: rechtlich und sozial Anmeldeprozess bei Vorgesetzten, Betriebsrat, Mitarbeitenden; Rechte und Pflichten; Vorgehen bei Widerspruch; Dokumentationspflichten
6 Elektronisches Erfassungsgerät: Einführung Konfiguration und Handhabung; Übertragung der Ablaufabschnitte ins Gerät; Einzel- und Fortschrittzeitmessung; Praxisübungen
7–8 Durchführung simultaner Zeitstudien im Betrieb Zeitstudien in realen Fertigungsbereichen; mehrere Teilnehmende am selben Vorgang simultan; Qualitätssicherung während der Messung
9 Auswertung mit Auswertesoftware Datenübertragung vom Gerät in die Software; Bearbeitung: Ausreißer, Leistungsgradkorrektur; Grundzeit, Vorgabezeit; Plausibilitätsprüfung; Ausdruck und Dokumentation
10 Ergebnisbesprechung und Abschluss Gemeinsame Auswertung aller Messreihen; Vergleich und Diskussion der Ergebnisse; Feedbackrunde und Kompetenznachweis; Ausblick: Integration in den betrieblichen Alltag

3. Schritt 1: Simultane Festlegung der Ablaufabschnitte

3.1 Bedeutung der Ablaufabschnittsdefinition

Die Festlegung der Ablaufabschnitte ist der methodisch anspruchsvollste und zugleich folgenreichste Schritt im gesamten Zeitstudienverfahren. Sie entscheidet darüber, welche Tätigkeiten als eigenständige, messbare Einheiten erfasst werden, wie sie zeitartenmäßig klassifiziert werden und ob das Ergebnis der Zeitstudie für spätere Planzeitsysteme oder Vorgabezeitableitungen verwendbar ist.

Bei einem Flugzeughersteller kommt dieser Schritt eine besondere Bedeutung zu: Montagevorgänge umfassen oft Hunderte von Einzeltätigkeiten, die sich über Stunden oder Tage erstrecken, von mehreren Mitarbeitenden parallel ausgeführt werden und durch technische Dokumentations- und Qualitätsprüfpflichten unterbrochen werden. Eine zu feine Abschnittsgliederung macht die Zeitaufnahme unpraktikabel; eine zu grobe Gliederung verhindert die Identifikation von Optimierungspotenzialen.

3.2 Simultane Erarbeitung im Team

Ein methodisches Kernprinzip der Schulung war die simultane Erarbeitung der Ablaufabschnitte durch alle Teilnehmenden gemeinsam. Anstatt dem Schulungsleiter fertige Ablaufstrukturen zu präsentieren, erarbeiteten die Teilnehmergruppen die Abschnittsgliederung eines konkreten Montagevorgangs eigenständig – und verglichen ihre Ergebnisse anschließend untereinander.

Dieses simultane Vorgehen hatte mehrere Vorteile: Unterschiedliche Gliederungsansätze wurden sichtbar und diskutierbar; Abgrenzungsfragen wurden praxisnah geklärt; und die Teilnehmenden entwickelten ein gemeinsames Verständnis für die Prinzipien der Abschnittsbildung, das über die Schulung hinaus als interner Standard wirkt.

3.3 Klassifikation der Tätigkeiten

Im Rahmen der Ablaufanalyse wurden die identifizierten Tätigkeiten konsequent nach REFA-Zeitarten klassifiziert:

Rüstvorgänge: Alle Tätigkeiten zur Vorbereitung und Wiederherstellung des Arbeitssystems zwischen Aufträgen oder Fertigungseinheiten. Im Flugzeugbau besonders relevant: Einrichten von Vorrichtungen und Spannmitteln, Bereitstellen und Prüfen von Spezialwerkzeugen, Aufspielen von NC-Programmen, Erstmusterkontrolle nach dem Einrichten. Rüstvorgänge wurden konsequent von der Stückzeit getrennt erfasst, um eine losgrößenabhängige Kalkulation zu ermöglichen.

Haupttätigkeiten (Grundzeit – Hauptzeit): Tätigkeiten, bei denen das Arbeitsobjekt unmittelbar bearbeitet oder verändert wird: Fügen, Nieten, Schweißen, Bohren, Fräsen, Montieren von Baugruppen. Diese Tätigkeiten bilden die wertschöpfende Kernleistung und sind Bezugsbasis für alle Zuschläge.

Nebentätigkeiten (Grundzeit – Nebenzeit): Tätigkeiten, die notwendig sind, um die Haupttätigkeit zu ermöglichen, ohne das Arbeitsobjekt direkt zu verändern: Werkzeug einspannen, Werkstück positionieren, Messung durchführen, Qualitätsprotokoll ausfüllen (soweit ablaufintegriert und bei jedem Stück anfallend). Im Flugzeugbau ist der Anteil der Nebentätigkeiten durch Prüf- und Dokumentationspflichten besonders hoch.

Verteilzeiten: Unregelmäßig anfallende, betrieblich bedingte (sachliche Verteilzeit) oder persönliche (persönliche Verteilzeit) Unterbrechungen. Beispiele aus dem Flugzeugbau: Klärung technischer Rückfragen mit dem Konstrukteur, Warten auf freigegebene Materialien, kurzfristige Koordinationsgespräche, persönliche Bedürfnisse. Verteilzeiten wurden getrennt nach sachlicher und persönlicher Ursache erfasst.

Störungen: Unplanmäßige, außergewöhnliche Unterbrechungen, die nicht in die Vorgabezeit eingehen: Maschinenausfälle, Materialfehler, Qualitätsnacharbeit aus vorangehenden Prozessen, IT-Systemausfälle. Störzeiten wurden gesondert dokumentiert und nicht mit Verteilzeiten vermischt.

4. Schritt 2: Anmeldung der Zeitstudie

4.1 Rechtlicher und sozialer Rahmen

Die korrekte Anmeldung einer Zeitstudie ist nicht allein eine formale Pflicht, sondern Ausdruck eines fairen, auf Vertrauen basierenden Umgangs mit den betroffenen Beschäftigten. In der Schulung wurde dieser Aspekt explizit als eigenständiges Modul behandelt – mit dem Ziel, bei den Teilnehmenden ein tiefes Verständnis für die rechtliche und soziale Dimension von Zeitstudien zu verankern.

4.2 Anmeldung beim Vorgesetzten

Vor jeder Zeitaufnahme muss der direkte Vorgesetzte des betreffenden Arbeitsbereichs informiert und um seine Einwilligung gebeten werden. Der Vorgesetzte muss den Zeitpunkt der Studie kennen, über ihren Zweck informiert sein und ggf. auf betriebliche Besonderheiten hinweisen können (Anlaufphase nach Urlaub, neues Personal, veränderte Materialversorgung), die die Repräsentativität der Messung beeinflussen könnten.

Im Schulungskontext wurde besonders erarbeitet: Eine Zeitstudie, die ohne Vorgesetzteneinbindung durchgeführt wird, riskiert nicht nur die Akzeptanz der Ergebnisse, sondern kann auch zu falschen Schlussfolgerungen führen – wenn atypische Betriebsbedingungen nicht bekannt sind und nicht bei der Bewertung der Messergebnisse berücksichtigt werden.

4.3 Anmeldung beim Betriebsrat

Zeitstudien, deren Ergebnisse in Akkord- oder Prämiensätze oder vergleichbare leistungsbezogene Entgelte einfließen, unterliegen nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 und 11 BetrVG der erzwingbaren Mitbestimmung des Betriebsrats. Werden die Daten mit elektronischen Geräten erfasst, die sich zur Überwachung von Verhalten oder Leistung eignen, kommt Nr. 6 hinzu. Ob eine Zeitstudie, die zunächst nur der Analyse dient, mitbestimmungspflichtig ist, hängt vom Einzelfall ab. Deshalb sollte die geplante Verwendung der Ergebnisse vorab mit dem Betriebsrat geklärt werden.

In der Schulung wurde erarbeitet, welche Informationen dem Betriebsrat vor der Durchführung einer Zeitstudie mitzuteilen sind: Zweck der Studie, betroffene Arbeitsplätze und Tätigkeiten, geplanter Zeitpunkt, verwendete Methode und das eingesetzte Erfassungsgerät, geplante Auswertungsmethodik sowie die beabsichtigte Verwendung der Ergebnisse. Explizit thematisiert wurden auch die Anwesenheit des Betriebsrats bei der Messung und die Möglichkeit, nach näherer Vereinbarung mit dem Arbeitgeber Sachverständige hinzuzuziehen (§ 80 Abs. 3 BetrVG).

Am untersuchten Unternehmen existierte eine Betriebsvereinbarung zur Zeitwirtschaft, die das Anmeldeverfahren, die zulässigen Methoden und die Einspruchsfristen regelte. Die Teilnehmenden erarbeiteten die Schritte dieser Vereinbarung und verstanden, wie sie die mitbestimmungsrechtlichen Anforderungen in ihren persönlichen Arbeitsprozess integrieren.

4.4 Anmeldung beim betroffenen Mitarbeitenden

Der direkte Umgang mit den betroffenen Beschäftigten ist ein sensibler, in der Praxis häufig unterschätzter Aspekt der Zeitaufnahme. Die Schulung vermittelte folgende Grundsätze:

Der Mitarbeitende wird persönlich, respektvoll und vollständig über Zweck, Ablauf und Verwendung der Zeitstudie informiert – vor Beginn der Messung, nie erst während oder nach der Aufnahme. Er hat das Recht zu wissen, was gemessen wird, warum und mit welchen Konsequenzen. Fragen werden offen und ehrlich beantwortet.

Während der Messung arbeitet der Beschäftigte nach der vorgeschriebenen Methode und in normalem Arbeitstempo – weder besonders schnell, um gute Zeiten zu erzielen, noch besonders langsam, um Puffer zu schaffen. Der Zeitnehmer urteilt objektiv über den Leistungsgrad, unabhängig davon, ob er den betreffenden Mitarbeitenden kennt oder wie die sozialen Beziehungen im Betrieb sind.

Die Teilnehmenden übten in Rollenspielen das Anmeldegespräch mit einem Mitarbeitenden – einschließlich des Umgangs mit Rückfragen, Vorbehalten und ablehnenden Reaktionen.

5. Schritt 3: Übertragung der Ablaufabschnitte in das elektronische Erfassungsgerät

5.1 Das elektronische Erfassungsgerät

Das in der Schulung eingesetzte elektronische Zeiterfassungsgerät ermöglicht die vollständige digitale Abwicklung einer Zeitaufnahme – von der Abschnittsdefinition bis zur Exportschnittstelle für die Auswertesoftware. Gegenüber der klassischen Stoppuhr und dem Papieraufnahmebogen bietet das Gerät wesentliche Vorteile: kein Übertragungsfehler durch manuelle Übertragung in Aufnahmebögen, gleichzeitige Speicherung von Zeitwert und Leistungsgrad in einem Schritt, Verwaltung mehrerer Ablaufabschnitte mit vordefinierten Bezeichnungen sowie die Möglichkeit, Anmerkungen und Qualitätscodes direkt während der Messung zu hinterlegen.

5.2 Vorbereitung und Übertragung der Abschnitte

Nach der gemeinsamen Festlegung der Ablaufabschnitte wurden diese in der Schulung in das elektronische Erfassungsgerät übertragen. Dieser Schritt – in der Praxis oft unterschätzt – ist eine eigenständige Qualitätsstufe: Fehler in der Abschnittsbezeichnung, fehlende Zeitartenzuordnung oder falsche Reihenfolge der Abschnitte im Gerät führen zu fehlerhaften Messungen, die sich erst in der Auswertung zeigen.

Die Teilnehmenden erarbeiteten folgende Schritte:

  • Eindeutige, sprechende Bezeichnung jedes Ablaufabschnitts (kurz genug für das Gerätedisplay, aussagekräftig genug für die spätere Auswertung)
  • Zuordnung jedes Abschnitts zu einer Zeitart (Grundzeit-Hauptzeit, Grundzeit-Nebenzeit, Rüstzeit, sachliche Verteilzeit, persönliche Verteilzeit, Störzeit)
  • Definition von Abschnittscodes für häufig wiederkehrende Ereignisse
  • Probelauf des konfigurierten Geräts vor dem Einsatz im Betrieb: Stimmt die Abschnittsfolge? Sind alle Bezeichnungen korrekt? Ist das Gerät vollständig geladen?

5.3 Einzel- und Fortschrittzeitmessung

Das Gerät wurde in beiden Messmodi eingesetzt:

Einzelzeitmessung: Das Gerät stoppt und speichert nach jedem Abschnitt die Einzelzeit. Geeignet für Vorgänge mit klar abgrenzbaren, kurzen Abschnitten, bei denen der Zeitnehmer nach der Speicherung kurz innehalten kann. Die direkte Ablesbarkeit der Einzelzeiten während der Messung ermöglicht eine laufende Plausibilitätsprüfung.

Fortschrittzeitmessung: Das Gerät registriert kontinuierlich laufende Zeitstempel; die Einzelzeiten ergeben sich in der Auswertung durch Differenzbildung. Geeignet für fließende Arbeitsvorgänge ohne scharfe Übergänge und für lange Abschnitte, bei denen eine Unterbrechung zum Speichern den Messwert verfälschen würde. Im Flugzeugbau mit seinen langen, kontinuierlichen Montagetätigkeiten ist dieser Modus besonders relevant.

6. Schritt 4: Durchführung der Zeitstudien im Betrieb

6.1 Simultane Messung durch mehrere Zeitnehmer

Ein methodisches Kernstück der praktischen Schulungsphase war die simultane Durchführung von Zeitstudien durch mehrere Teilnehmende am selben Arbeitsvorgang. Mindestens zwei, in einigen Übungseinheiten bis zu vier Zeitnehmer erfassten denselben Ablauf unabhängig voneinander – mit identischer Ablaufabschnittsdefinition, aber individueller Leistungsgradbeurteilung.

Das simultane Vorgehen diente mehreren Zielen: Es machte Beurteilungsunterschiede zwischen Zeitnehmern unmittelbar sichtbar und quantifizierbar. Es trainierte die Fähigkeit, unter Beobachtung anderer professionell und konzentriert zu arbeiten. Und es lieferte eine reiche Datenbasis für die anschließende Diskussion von Abweichungen und deren Ursachen.

6.2 Messungen in verschiedenen Fertigungsbereichen

Die Zeitstudien wurden bewusst in verschiedenen Bereichen des Unternehmens durchgeführt, um die Teilnehmenden mit unterschiedlichen Prozesscharakteren, Arbeitsbedingungen und Zeitprofilen vertraut zu machen:

  • Strukturmontage mit langen, körperlich fordernden Montagetätigkeiten und hohem Einsatz von Niettechnik
  • Ausrüstungsmontage mit hoher Komplexität, kurzen Zyklen und intensiver Dokumentationspflicht
  • Qualitätsprüfung und abschließende Funktionskontrolle mit formalisierten Prüfsequenzen
  • Rüstvorgänge an Bearbeitungsmaschinen für Strukturbauteile

Diese Vielfalt konfrontierte die Teilnehmenden mit unterschiedlichen Herausforderungen: variierende Arbeitstempi, schwer abgrenzbare Abschnitte, qualitätsbedingte Unterbrechungen, stark schwankende Leistungsgrade je nach Tätigkeitscharakter.

6.3 Qualitätssicherung während der Messung

Während der Durchführung wurden folgende Qualitätssicherungsregeln eingehalten und geübt:

  • Vollständige Dokumentation der Randbedingungen vor Messbeginn: Datum, Uhrzeit, Arbeitsplatz, Bediener (Erfahrungsstand, Schichtzugehörigkeit), Material und Losgröße
  • Keine nachträgliche Änderung von Leistungsgradwerten nach Abschluss der Messung
  • Sofortige Kennzeichnung von Sonderereignissen (Störung, Rückfrage, ungewöhnliche Situation) im Gerät durch entsprechende Codes
  • Mindestanzahl von Messwiederholungen je Abschnitt gemäß statistischer Anforderung

7. Schritt 5: Datenübertragung und Auswertung

7.1 Übertragung in die Auswertesoftware

Nach jeder Messeinheit wurden die erfassten Zeitdaten aus dem elektronischen Gerät in die Auswertesoftware übertragen. Die Teilnehmenden erarbeiteten diesen Prozess vollständig eigenständig: Dateiexport vom Gerät, Import in die Software, Überprüfung der Datenintegrität (Vollständigkeit der Abschnitte, Plausibilität der Zeitstempel).

Besonderes Augenmerk wurde auf häufige Übertragungsfehler gelegt: fehlende Endmarkierung des letzten Abschnitts, doppelt erfasste Zeitstempel bei versehentlicher Doppelbetätigung, nicht korrekt zugeordnete Zeitarten. Das frühzeitige Erkennen und Bereinigen dieser Fehler vor der eigentlichen Auswertung ist eine wichtige praktische Kompetenz.

7.2 Bearbeitung und Auswertung

Die Auswertung in der Software umfasste folgende Schritte, die die Teilnehmenden vollständig selbstständig erarbeiteten:

Ausreißeridentifikation: Zyklen mit deutlich vom Mittelwert abweichenden Zeiten wurden auf Basis statistischer Kriterien (Grubbs-Test, ±2σ-Regel) und inhaltlicher Prüfung identifiziert. Ausreißer wurden nicht automatisch gelöscht, sondern begründet dokumentiert und – bei bestätigtem Ausnahmecharakter – aus der Mittelwertbildung ausgeschlossen.

Grundzeitberechnung: Aus den Einzelmessungen jedes Abschnitts wurde die mittlere Grundzeit berechnet, normiert auf Normalleistung durch die Leistungsgradkorrektur:

Grundzeit (t_g) = Istzeit × (Leistungsgrad / 100)
Mittlere Grundzeit = Mittelwert aller Einzelmessungen (t_g)

Variationskoeffizient: Als Maß für die Güte der Messreihe wurde der Variationskoeffizient (Standardabweichung / Mittelwert × 100 %) berechnet. Hohe Variationskoeffizienten (> 15 %) signalisierten entweder inhomogene Messreihen, zu wenig Wiederholungen oder nicht korrekt abgegrenzte Abschnitte – und führten zu einer Überprüfung der betreffenden Daten.

Vorgabezeitberechnung: Die Vorgabezeit je Stück wurde durch Aufschlag der betriebsspezifisch ermittelten Verteilzeitzuschläge und Erholungszeitzuschläge berechnet:

Vorgabezeit = Grundzeit × (1 + z_vs + z_vp + z_e)

Rüstzeitausweisung: Rüstzeiten wurden getrennt aus der Gesamtaufnahme extrahiert und als Rüstzeitvorgabe je Auftrag ausgewiesen.

7.3 Plausibilitätsprüfung

Jedes Auswertungsergebnis wurde einer strukturierten Plausibilitätsprüfung unterzogen. Die Teilnehmenden lernten, folgende Fragen systematisch zu stellen und zu beantworten:

  • Liegt die ermittelte Vorgabezeit im plausiblen Bereich für diese Art von Tätigkeit?
  • Stimmt das Verhältnis von Hauptzeit zu Nebenzeit mit dem technologischen Prozessverständnis überein?
  • Sind die Verteilzeitanteile im erwarteten Bereich?
  • Gibt es Hinweise auf nicht korrekt klassifizierte Tätigkeiten?
  • Weichen die Ergebnisse der simultanen Zeitnehmer systematisch voneinander ab – und wenn ja, warum?

7.4 Ausdruck und Dokumentation

Nach abgeschlossener Auswertung wurden die Ergebnisse ausgedruckt. Die Ausgabe der Auswertesoftware umfasste: vollständige Messdatenliste mit Einzelzeiten und Leistungsgraden, statistische Kennwerte (Mittelwert, Standardabweichung, Variationskoeffizient) je Abschnitt, berechnete Grundzeiten und Vorgabezeiten, Rüstzeitausweis sowie Randdatendokumentation.

Das vollständige Druckprotokoll bildet die revisionssichere Grundlage für alle nachgelagerten Verwendungen der Zeitwerte – ob als Basis für Betriebsvereinbarungen, Kapazitätsberechnungen, Angebotskalkulationen oder Zertifizierungsnachweise.

8. Schritt 6: Ergebnisbesprechung

8.1 Gemeinsame Analyse im Plenum

Die Ergebnisse aller Gruppen wurden in einer abschließenden Plenumsdiskussion zusammengeführt und gemeinsam analysiert. Dieser Schritt war in der Schulung besonders wertvoll, weil er die Varianzen zwischen verschiedenen Zeitnehmern, verschiedenen Messperioden und verschiedenen Fertigungsbereichen transparent machte.

Diskutiert wurden unter anderem: Unterschiede in den ermittelten Grundzeiten zwischen simultanen Zeitnehmern und ihre Ursachen (Leistungsgradunterschied, unterschiedliche Abschnittsgrenzen, verschiedene Ausgangssituationen), auffällige Verteilzeitenprofile in einzelnen Bereichen als Hinweis auf Optimierungspotenziale, Störzeitanalysen und ihre Implikationen für die Betriebsorganisation sowie Erkenntnisse über die Besonderheiten einzelner Montagebereiche.

8.2 Erkenntnisse aus der simultanen Messung

Der Vergleich der Ergebnisse simultaner Zeitnehmer lieferte konkrete Erkenntnisse zur Kalibrierung:

Beispiel Montagetätigkeit:

Zeitnehmer Mittlere Grundzeit Ø Leistungsgrad
A 12,4 min 96
B 11,8 min 90
C 13,1 min 102

Die Streubreite der Grundzeit beträgt 11,8 bis 13,1 min, also 1,3 min (rund 10,5 %). Die Streubreite des Leistungsgrades beträgt 90 bis 102, also 12 Punkte. Daraus ergab sich Kalibrierungsbedarf, gefolgt von einer gemeinsamen Diskussion der Beurteilungsunterschiede und einer Ursachenanalyse. Zielwert: Streuung des Leistungsgrades ≤ ± 5 Punkte nach Kalibrierung.

9. Ergebnisse der zehntägigen Schulung

9.1 Kompetenzerwerb der Teilnehmenden

Nach Abschluss der zehntägigen Schulung waren die Teilnehmenden in der Lage, alle vor- und nachgelagerten Tätigkeiten einer REFA-Zeitstudie sowie die Zeitstudie selbst vollständig eigenständig durchzuführen:

Vorbereitung:

  • Selbstständige Durchführung der Ablaufanalyse und Abschnittsdefinition für beliebige Montagevorgänge des Unternehmens
  • Korrekte Klassifikation aller Tätigkeiten nach REFA-Zeitarten
  • Durchführung des vollständigen Anmeldeprozesses bei Vorgesetzten, Betriebsrat und Mitarbeitenden gemäß betrieblicher Vereinbarung
  • Konfiguration und Vorbereitung des elektronischen Erfassungsgeräts

Durchführung:

  • Professionelle, methodisch saubere Zeitaufnahme mit dem elektronischen Gerät
  • Simultane Bedienung von Gerät, Leistungsgradbeurteilung und Randdatendokumentation
  • Souveräner Umgang mit Sondersituationen (Störungen, Ablaufabweichungen, Bedienerfragen)

Auswertung und Dokumentation:

  • Vollständige Auswertung mit der Auswertesoftware inkl. Ausreißerbereinigung, Leistungsgradkorrektur und Variationskoeffizientberechnung
  • Ableitung und Dokumentation von Grundzeit und Vorgabezeit
  • Strukturierte Plausibilitätsprüfung und Ergebnisdokumentation
  • Erstellung revisionssicherer Messberichte

9.2 Besonderheiten der Luftfahrtbranche

Die Schulung schärfte das Bewusstsein für branchenspezifische Anforderungen, die die Zeitstudienpraxis in der Luftfahrt von anderen Industrien unterscheiden:

  • Qualitätsprüfungen und Dokumentationsschritte sind häufig nicht als Verteilzeit, sondern als reguläre Nebentätigkeit zu klassifizieren, da sie bei jedem Bauteil verpflichtend anfallen
  • Spezialwerkzeuge, die vor jeder Verwendung einer Funktionsprüfung unterzogen werden müssen, erzeugen Rüstzeitenanteile, die in anderen Branchen nicht auftreten
  • Zwei-Mann-Tätigkeiten (Vier-Augen-Prinzip bei sicherheitsrelevanten Baugruppen) erfordern eine spezielle Dokumentation der gleichzeitigen Tätigkeit beider Personen
  • Die Leistungsgradbeurteilung bei stark durch Präzision und Sorgfalt geprägten Tätigkeiten erfordert ein differenziertes Verständnis: Sorgfalt ist hier kein Zeichen von Langsamkeit, sondern Qualitätsmerkmal

10. Nachhaltigkeit und Folgemaßnahmen

Die Schulung wurde nicht als einmaliges Ereignis, sondern als Beginn eines dauerhaften Qualitätsprozesses konzipiert. Folgende Maßnahmen wurden vereinbart, um den Kompetenzerwerb langfristig zu sichern:

  • Regelmäßige Kalibrierungsübungen im Abstand von sechs Monaten, bei denen die Zeitnehmergruppe gemeinsam dieselben Vorgänge beurteilt und Abweichungen analysiert
  • Mentoring-Prinzip für neue Mitarbeitende: Erfahrene Zeitnehmer begleiten Einsteiger bei den ersten eigenständigen Zeitstudien
  • Interne Wissensdatenbank mit dokumentierten Ablaufabschnittsdefinitionen für häufig untersuchte Vorgänge als Referenzstandard
  • Jährliche Überprüfung der Zeitstudien-Standards und der Betriebsvereinbarung zur Zeitwirtschaft
  • Feedback-Schleife mit dem Betriebsrat: halbjährliche Auswertung der Zeitstudienpraxis und Klärung offener Fragen

11. Fazit

Die zehntägige Inhouse-Schulung beim Flugzeughersteller hat gezeigt, dass die vollständige Befähigung zur eigenständigen Durchführung von REFA-Zeitstudien mit elektronischer Erfassung auch in einem hochkomplexen Fertigungsumfeld in einem überschaubaren Zeitrahmen erreichbar ist – wenn Schulungsdesign, Praxisorientierung und die Einbindung realer Produktionsprozesse konsequent aufeinander abgestimmt sind.

Der entscheidende Erfolgsfaktor war die simultane, teambasierte Vorgehensweise in allen Schulungsphasen: von der Abschnittsabgrenzung über die Betriebsrats- und Mitarbeiteranmeldung bis zur gemeinsamen Auswertung und Ergebnisbesprechung. Diese Methodik machte Unterschiede zwischen Zeitnehmern sichtbar, förderte das gegenseitige Lernen und schuf ein gemeinsames methodisches Verständnis, das über die Schulung hinaus als interner Standard wirkt.

Das Unternehmen verfügt nun über eine kompetente interne Zeitnehmertruppe, die in der Lage ist, die Zeitwirtschaft als strategische Ressource für Kapazitätsplanung, Leistungsbewertung, Prozessoptimierung und Kostentransparenz eigenständig und methodisch einwandfrei zu betreiben.


Sie möchten Mitarbeiter in Ihrem Betrieb systematisch zum Thema REFA-Zeitstudien professionell schulen?

Ich begleite Betriebe auch bei der Schulung von Mitarbeitern zur Erfassung belastbarer Prozessdaten.

Kostenloses Erstgespräch vereinbaren →

← Zurück zur Übersicht