REFA-Inhouse-Schulung zu Zeitstudien in der Medizintechnik

Erfahrungsbericht · Oktober 2026 · ca. 8 Minuten Lesezeit

  • Branche: Medizintechnik
  • Maßnahme: Inhouse-Schulung Zeitwirtschaft nach REFA-Methodik
  • Format: Inhouse, praxisintegriert, mehrtägig inklusive betrieblicher Zeitstudienpraxis

Ausgangssituation

In einem mittelständischen Unternehmen der Medizintechnik bestand der Bedarf, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsvorbereitung und des Industrial Engineering systematisch in der Durchführung von Zeitstudien nach REFA-Methodik auszubilden. Bislang wurden Vorgabezeiten überwiegend durch Vergleichen und Schätzen oder durch externe Dienstleister ermittelt – eine Vorgehensweise, die zunehmend an ihre wirtschaftlichen und qualitativen Grenzen stieß.

Die besonderen Anforderungen der Medizintechnikbranche – hohe regulatorische Anforderungen an Prozessdokumentation, enge Toleranzen bei Qualität und Leistung, Validierungspflichten und die Notwendigkeit belastbarer Kapazitätsnachweise – machten eine interne Kompetenz in der methodisch sauberen Zeitermittlung zur strategischen Notwendigkeit. Das Unternehmen entschied sich daher für eine praxisorientierte Inhouse-Schulung, die unmittelbar am eigenen Produktionsprozess ansetzt.

Projektziel

Ziel des Projekts war die systematische Befähigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eigenständig Zeitstudien nach der REFA-Methode vorzubereiten, durchzuführen, auszuwerten und zu dokumentieren. Im Mittelpunkt stand dabei nicht allein die technische Handhabung der Messinstrumente, sondern vor allem die methodisch korrekte und objektive Beurteilung des Leistungsgrades – jener anspruchsvollsten und gleichzeitig folgenreichsten Größe der REFA-Zeitwirtschaft.

Die Schulung verfolgte konkret folgende Teilziele:

  • Verständnis der REFA-Grundlagen: Zeitartenmodell, Ablaufarten, Vorgabezeit und ihre Komponenten
  • Befähigung zur selbstständigen Vorbereitung und strukturierten Durchführung von Zeitstudien
  • Kompetente, reproduzierbare Beurteilung des Leistungsgrades bei Normalleistung (LG = 100 %)
  • Sicherer Umgang mit dem digitalen Hanhart-Uhrensystem in den Betriebsmodi Einzel- und Fortschrittzeiten
  • Fehlerfreies Führen und Auswerten von REFA-Zeitaufnahmebögen
  • Plausibilitätsprüfung und kritische Bewertung eigener Messergebnisse

Projektinhalt

Methodische Grundlagen

Die Schulung begann mit einer strukturierten Einführung in die theoretischen Grundlagen der REFA-Methodenlehre. Die Teilnehmenden erarbeiteten das Zeitartenmodell – von der Auftragszeit über die Vorgabezeit bis zur Grundzeit mit ihren Haupt- und Nebenzeiten – und verstanden, wie Verteilzeiten und Erholungszeiten als Zuschläge in die Vorgabezeit eingehen.

Besonderer Wert wurde auf die Abgrenzung der verschiedenen Zeitarten gelegt: In der Medizintechnik sind Dokumentations-, Prüf- und Qualitätssicherungstätigkeiten wesentliche Bestandteile vieler Arbeitsvorgänge – ihre korrekte Zuordnung zu Grundzeit, sachlicher Verteilzeit oder Rüstzeit ist entscheidend für die Belastbarkeit der ermittelten Vorgabezeiten.

Schwerpunkt: Leistungsgradbeurteilung

Die Beurteilung des Leistungsgrades stand im Zentrum der Schulung. Die Teilnehmenden erarbeiteten, was Normalleistung (LG = 100 %) bedeutet: jene Leistung, die ein geübter, eingearbeiteter Mensch bei zumutbarer Dauerleistung dauerhaft erbringen kann, ohne seine Gesundheit zu gefährden – weder Minimum noch Maximum, sondern ein realisierbares, nachhaltiges Leistungsniveau.

Die Herausforderung der subjektiven Leistungsgradbeurteilung wurde offen thematisiert: Jede falsche Beurteilung pflanzt sich direkt in die Grundzeit und damit in alle abgeleiteten Vorgabezeiten fort. Trainingselemente mit Referenzvideos, Kalibrierungsübungen im Vergleich untereinander und die gemeinsame Diskussion von Beurteilungsabweichungen führten zu einer deutlichen Verbesserung der intersubjektiven Übereinstimmung innerhalb der Teilnehmergruppe.

Es wurde herausgearbeitet, dass Leistungsgradbeurteilung keine angeborene Fähigkeit ist, sondern eine trainierbare Kompetenz – und dass regelmäßige Kalibrierungsübungen notwendig sind, um die erlernte Beurteilungssicherheit langfristig zu erhalten.

Digitales Uhrensystem Hanhart

Ein praxisnaher Schwerpunkt der Schulung war der Umgang mit dem digitalen Zeitaufnahmesystem der Firma Hanhart. Die Teilnehmenden erarbeiteten den Unterschied zwischen den beiden grundlegenden Messmethoden:

Einzelzeitmessung: Die Stoppuhr wird nach jedem Zeitabschnitt auf null zurückgesetzt. Jeder Abschnitt wird separat gestoppt. Vorteile: Einfache direkte Ablesbarkeit; geeignet für kurze, klar abgegrenzte Abschnitte. Nachteile: Messunterbrechung beim Zurückstellen kann zu Zeitverlusten führen.

Fortschrittzeitmessung (Durchlaufzeitmessung): Die Stoppuhr läuft kontinuierlich; an den Abschnittsgrenzen wird der laufende Zeitstand abgelesen und notiert. Die Einzelzeiten ergeben sich durch Subtraktion aufeinanderfolgender Ablesewerte. Vorteile: Keine Messunterbrechung; keine Zeiten gehen verloren; geeignet für fließende Arbeitsabläufe ohne scharfe Abschnittsgrenzen.

Das digitale Hanhart-System ermöglicht beide Betriebsmodi und bietet darüber hinaus die Möglichkeit, mehrere Zeitstempelwerte zu speichern und nach der Messung auszuwerten. Die Teilnehmenden übten beide Methoden zunächst an synthetischen Übungsaufgaben, bevor sie in realen Fertigungssituationen eingesetzt wurden.

Vorgehensweise

Phase 1: Theoretische Vorbereitung

Die Teilnehmenden wurden schrittweise über Schulungsunterlagen, Arbeitsblätter und interaktive Übungen an die REFA-Systematik herangeführt. Die Unterlagen wurden speziell auf die Produktionsbedingungen und Prozesscharakteristika des Unternehmens abgestimmt – Beispiele und Übungsaufgaben entstammten unmittelbar dem Fertigungsalltag der Teilnehmenden.

Neben der Zeitartenstruktur wurden die Ablaufarten und ihre Bedeutung für die Klassifikation von Tätigkeiten in der Medizintechnikfertigung erarbeitet – wo Qualitätsprüfungen, Hygienemaßnahmen und Dokumentationspflichten einen erheblichen Zeitanteil ausmachen und korrekt zugeordnet werden müssen.

Phase 2: Instrumentenschulung

Der sichere Umgang mit dem Hanhart-Uhrensystem wurde zunächst in kontrollierten Übungssituationen trainiert. Die Teilnehmenden lernten:

  • Konfiguration des Uhrensystems für Einzel- und Fortschrittzeitmessung
  • Abschnittsabgrenzung und saubere Schnittstellendefinition vor der Messung
  • Simultane Bedienung von Uhr und Aufnahmebogen ohne Aufmerksamkeitsverlust
  • Umgang mit Fehlbedienungen und nachträgliche Korrekturprozesse

Ein wesentlicher Lerneffekt dieser Phase: Die Qualität einer Zeitaufnahme hängt maßgeblich von der Vorbereitung ab – von der sorgfältigen Definition der Abschnittsgrenzen und der klaren Festlegung, welche Tätigkeiten welcher Zeitart zuzuordnen sind. Wer erst während der Messung entscheidet, verliert Konzentration und Genauigkeit.

Phase 3: Führen und Bearbeiten der REFA-Zeitaufnahmebögen

Die Teilnehmenden erarbeiteten den vollständigen Aufnahmebogen nach REFA-Standard – von der Stammdatenerfassung über die Stückzeiterfassung mit Leistungsgradbeurteilung bis zur rechnerischen Auswertung. Dabei wurde besonderes Augenmerk auf folgende Aspekte gelegt:

  • Vollständige Dokumentation der Randbedingungen (Maschine, Werkzeug, Material, Bediener, Tageszeit)
  • Identifikation und Behandlung von Ausreißern
  • Berechnung der mittleren Grundzeit aus mehreren Messwiederholungen
  • Ermittlung des Variationskoeffizienten als Maß für die Streugüte der Messreihe
  • Berechnung der Vorgabezeit durch Aufschlag von Verteilzeit- und Erholungszeitzuschlägen

Die Wichtigkeit einer lückenlosen Dokumentation wurde im Kontext der Medizintechnik besonders betont: In einem regulierten Umfeld mit Validierungspflichten und Auditanforderungen ist die Nachvollziehbarkeit der Zeitermittlung nicht nur methodisch geboten, sondern auch für interne und externe Audits wichtig.

Phase 4: Simultane Zeitstudien im Betrieb

Den Abschluss der Schulung bildeten simultane Zeitstudien in verschiedenen Fertigungsbereichen des Unternehmens. Mehrere Teilnehmende führten parallel Zeitaufnahmen am selben Arbeitsvorgang durch – ein bewusst gewähltes Design, das die Reproduzierbarkeit der Leistungsgradbeurteilung unter realen Bedingungen überprüfbar machte.

Die Messungen erstreckten sich auf unterschiedliche Prozesscharaktere: manuelle Montagetätigkeiten mit kurzen Zykluszeiten, maschinell unterstützte Bearbeitungen mit automatischen Laufzeiten sowie gemischte Tätigkeiten mit wechselnden Belastungsprofilen.

Nach der Erfassung wurden die Ergebnisse gemeinsam ausgewertet:

  • Vergleich der individuell beurteilten Leistungsgrade zwischen den Teilnehmenden
  • Analyse systematischer Beurteilungsunterschiede (Tendenzen zu zu hohem oder zu niedrigem Leistungsgrad)
  • Diskussion von Abweichungen in den ermittelten Grundzeiten und ihrer Ursachen
  • Plausibilitätsprüfung der Gesamtergebnisse anhand von Referenzwerten und technologischen Berechnungen

Ergebnisse und Erkenntnisse

Kompetenzzuwachs der Teilnehmenden

Die Schulung erzielte eine deutliche Kompetenzverbesserung in allen angestrebten Bereichen. Besonders ausgeprägt war der Lerneffekt bei der Leistungsgradbeurteilung: Zu Beginn der Schulung wichen die individuellen Beurteilungen der Teilnehmenden um bis zu 20–25 Leistungsgradpunkte voneinander ab – ein Ausmaß, das zu erheblichen Vorgabezeitfehlern geführt hätte. Am Ende der Schulung lag die Streuung bei vergleichbaren Beobachtungssituationen durchgängig unter ±8 Leistungsgradpunkten – ein für die Praxis akzeptables Niveau.

Erkenntnisse aus den simultanen Zeitstudien

Die simultanen Praxismessungen brachten mehrere wertvolle Erkenntnisse:

Abschnittsdefinition als Schlüsselfaktor: Unterschiedliche Ergebnisse zwischen parallelen Zeitnehmern ließen sich in der Auswertung häufig auf unterschiedlich interpretierte Abschnittsgrenzen zurückführen – nicht auf Messfehler im engeren Sinne. Die eindeutige, vor der Messung schriftlich fixierte Abschnittsabgrenzung wurde als Pflichtschritt in den Standardablauf aufgenommen.

Dokumentationsqualität: Die simultanen Messungen zeigten deutlich, dass Vollständigkeit der Randdatenerfassung (insbesondere Tageszeit, Bediener-Erfahrungsstand, Materialcharge) für die spätere Plausibilitätsprüfung unerlässlich ist.

Plausibilitätsprüfung als eigenständiger Schritt: Mehrere Messreihen wiesen beim ersten Auswertungsdurchgang Auffälligkeiten auf – erhöhte Variationskoeffizienten, Ausreißer in einzelnen Zyklen, Grundzeiten, die von technologischen Erwartungswerten abwichen. Die strukturierte Plausibilitätsprüfung, die als eigenständiger Schritt nach jeder Zeitaufnahme etabliert wurde, erwies sich als unverzichtbares Qualitätssicherungsinstrument.

Besonderheiten der Medizintechnik

Die Schulung schärfte das Bewusstsein für branchenspezifische Besonderheiten bei der Zeitaufnahme in der Medizintechnik:

  • Hygiene- und Reinraumanforderungen bedingen Tätigkeiten (Umkleiden, Schleusenvorgänge, Reinigungsmaßnahmen), die korrekt als sachliche Verteilzeit oder – bei regelmäßig anfallenden, ablaufintegrierten Vorgängen – als Teil der Grundzeit zu klassifizieren sind
  • Dokumentations- und Freigabeprozesse zwischen Fertigungsschritten haben erhebliche Zeitanteile und müssen in der Ablaufanalyse vollständig erfasst werden
  • Die Leistungsgradbeurteilung bei stark durch Präzisionsanforderungen bestimmten Tätigkeiten erfordert besonderes Einfühlungsvermögen: langsames, konzentriertes Arbeiten ist hier kein Ausdruck verringerter Leistung, sondern qualitätsnotwendige Sorgfalt

Fazit

Die Inhouse-Schulung zur Durchführung von REFA-Zeitstudien hat die angestrebten Ziele vollständig erreicht. Die Teilnehmenden sind nun in der Lage, Zeitstudien eigenständig und methodisch korrekt vorzubereiten, durchzuführen, auszuwerten und zu dokumentieren. Das Unternehmen hat damit eine strategische Inhouse-Kompetenz aufgebaut, die die Abhängigkeit von externen Zeitwirtschaftsdienstleistern deutlich reduziert und die Qualität der betrieblichen Zeitdaten nachhaltig verbessert.

Besonders hervorzuheben ist der Kompetenzzuwachs bei der Leistungsgradbeurteilung – jenem Kernelement, das die Brücke zwischen gemessener Istzeit und verwertbarer Grundzeit schlägt. Eine gut ausgebildete, regelmäßig kalibrierte Zeitnehmergruppe ist die wichtigste Voraussetzung für ein belastbares und betriebsratssicheres Zeitwirtschaftssystem.

Als nachhaltiger Folgeprozess wurde vereinbart, die erworbenen Fähigkeiten durch regelmäßige Kalibrierungsübungen im Abstand von sechs Monaten aufrechtzuerhalten und neue Mitarbeitende systematisch in die erarbeiteten Standards einzuführen.


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