Rüstzeiten im Ridesharing an zwei Betriebshöfen

Erfahrungsbericht · September 2026 · ca. 5 Minuten Lesezeit

1. Ausgangslage

Ridesharing-Anbieter stehen vor der Herausforderung, ihre Flotten effizient und zuverlässig einsatzbereit zu halten – und das an mehreren Standorten gleichzeitig. Ein zentraler, oft unterschätzter Faktor dabei sind die sogenannten Rüsttätigkeiten: alle Vorgänge, die Fahrer:innen vor und nach ihrer eigentlichen Schicht durchführen müssen, um Fahrzeuge betriebsbereit zu übergeben oder zu übernehmen.

Anlass für das Projekt war eine Beanstandung des Betriebsrats: Die bestehenden Zeitvorgaben des Auftraggebers enthielten weder Zuschläge für Verteilzeiten noch eine Bewertung der Leistungsgrade – beides zentrale Bestandteile einer methodisch korrekten REFA-Zeitermittlung. Da dieser Umstand berechtigte Zweifel an der Validität der bisherigen Vorgabezeiten aufwarf, wurde eine vollständige Neuermittlung und -bewertung der Rüstzeiten an zwei Standorten und deren jeweiligen Betriebshöfen initiiert.

2. Projektziel

Ziel des Projekts war die vollständige Erfassung aller Rüsttätigkeiten im Schichtverlauf – von der Schichtübergabe bis zur Übergabe des Fahrzeugs am Betriebshof. Dabei sollten nicht nur die reinen Zeitwerte ermittelt werden, sondern auch ein belastbares, aktuelles Datenfundament geschaffen werden, das als Grundlage für eine Neuberechnung bestehender Vorgabezeiten dienen kann.

3. Projektinhalt

Im Mittelpunkt stand die strukturierte Erfassung und Zusammenstellung sämtlicher Rüsttätigkeiten, die vor und nach dem Schichtdienst anfallen. Hierzu wurden Zeitstudien nach der anerkannten REFA-Methodik durchgeführt – einem in der Arbeitswissenschaft etablierten Verfahren zur objektiven Ermittlung von Vorgabezeiten.

Besonderes Augenmerk lag auf der Erfassung aller Vorgänge an den einzelnen Stand- und Pausenorten. Da sich die örtlichen Gegebenheiten der beiden Betriebshöfe unterscheiden – etwa in Bezug auf Wegstrecken, Stellplatzanordnung oder infrastrukturelle Rahmenbedingungen – wurden diese lokalen Verhältnisse gezielt in die Datenerhebung einbezogen. Nur so konnte sichergestellt werden, dass die ermittelten Zeitwerte tatsächlich die Realität vor Ort widerspiegeln und nicht auf pauschalen Annahmen beruhen.

4. Inklusive Projektdurchführung

Ein besonderer Aspekt des Projekts war die aktive Einbindung von Mitarbeitenden mit Behinderungen in die Zeitstudien. Sie waren nicht nur Beobachtungsgegenstand der Erhebungen, sondern wirkten aktiv am Projekt mit. Dadurch flossen wertvolle Praxiserfahrungen und Perspektiven in die Datenerhebung ein, die eine realistischere und inklusivere Abbildung der tatsächlichen Arbeitsabläufe ermöglichten. Die Berücksichtigung unterschiedlicher individueller Voraussetzungen trug dazu bei, dass die ermittelten Zeitwerte ein breiteres Spektrum an Arbeitsrealitäten widerspiegeln und die spätere Neuberechnung der Vorgabezeiten auf einer inklusiveren und damit tragfähigeren Grundlage erfolgen kann.

5. Vorgehensweise

Die Durchführung erfolgte in mehreren Schritten:

  1. Vorgangsermittlung: Alle vorgegebenen, im Schichtablauf definierten Vorgänge wurden identifiziert und systematisch überprüft.
  2. Zeitaufnahme nach REFA: Für jeden dieser Vorgänge wurden mittels standardisierter Zeitstudien aktuelle Zeitwerte erhoben – unter Einbindung von Mitarbeitenden mit und ohne Behinderungen.
  3. Abgleich mit Bestandsdaten: Die neu ermittelten Werte wurden den vorhandenen, teils veralteten Zeitvorgaben gegenübergestellt.
  4. Auswertung der Abweichungen: Differenzen zwischen Soll- und Ist-Werten wurden analysiert, um Ursachen für etwaige Abweichungen – etwa veränderte Prozesse, angepasste örtliche Gegebenheiten oder gewachsene Routinen – nachvollziehbar zu machen.
  5. Datenaufbereitung: Sämtliche Ergebnisse wurden strukturiert dokumentiert und für eine anschließende Neuberechnung der Vorgabezeiten bereitgestellt.

6. Ergebnis der ermittelten Rüstzeiten

Die Auswertung bestätigte die vom Betriebsrat geäußerten Bedenken: Da die bisherigen Zeitvorgaben des Auftraggebers weder Verteilzeit-Zuschläge noch eine Leistungsgradbewertung berücksichtigten, wichen die neu nach REFA-Methodik ermittelten Werte deutlich von den bestehenden Vorgabezeiten ab. Im Ergebnis zeigten sich Differenzen von 10 bis 15 % zwischen den alten und den neu erhobenen Rüstzeiten.

Diese Abweichung machte deutlich, dass die bisherige Datenbasis den tatsächlichen Arbeitsaufwand systematisch unterschätzte. Sie bestätigte damit die Notwendigkeit einer vollständigen Neuermittlung und -bewertung der Rüstzeiten und bildete die entscheidende Grundlage für die anschließende Neuberechnung der Vorgabezeiten.

7. Nutzen für den Auftraggeber

Durch die konsequente Anwendung der REFA-Methodik – inklusive korrekter Berücksichtigung von Verteilzeiten und Leistungsgraden – entstand eine belastbare, nachvollziehbare Datenbasis, die weit über eine einmalige Momentaufnahme hinausgeht. Der Auftraggeber erhält damit:

  • Transparenz über den tatsächlichen Zeitaufwand aller Rüsttätigkeiten an beiden Standorten,
  • eine methodisch korrekte Datengrundlage, die Verteilzeiten und Leistungsgrade angemessen berücksichtigt,
  • eine Vergleichsgrundlage, um die festgestellten Abweichungen von 10–15 % nachvollziehbar zu begründen,
  • eine valide Basis für die Neukalkulation von Vorgabezeiten, die künftige Personal- und Schichtplanung präzisiert,
  • eine inklusivere Datengrundlage, die die Arbeitsrealität unterschiedlicher Mitarbeitendengruppen berücksichtigt,
  • und die Möglichkeit, das Ergebnis konstruktiv mit dem Betriebsrat abzustimmen und so Akzeptanz für die neuen Vorgabezeiten zu schaffen.

8. Fazit

Das Projekt zeigt exemplarisch, wie sich durch methodisch fundierte Zeitstudien auch komplexe, dezentrale Betriebsstrukturen im Ridesharing-Bereich messbar und vergleichbar machen lassen. Ausgangspunkt war eine berechtigte Beanstandung des Betriebsrats zu fehlenden Verteilzeit-Zuschlägen und Leistungsgradbewertungen – ein Umstand, der sich in den ermittelten Abweichungen von 10 bis 15 % bestätigte. Die Kombination aus REFA-Standard, konsequenter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten und der aktiven Einbindung von Mitarbeitenden mit Behinderungen liefert nicht nur präzise und methodisch korrekte Zeitwerte, sondern schafft die Grundlage für eine nachhaltig optimierte, inklusive und mitbestimmungskonforme Schicht- und Ressourcenplanung an beiden Betriebshöfen.


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